Bebauungsplan sieht Privatgärten im Nordosten als Ausgleichsflächen vor

Landnahme durch die Hintertür?

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Martina und Martin Fitzthum, Kai Hempel und weitere Bewohner der Karl-Nahrgang-Straße sind aus dem Häuschen. Was hat die Gemeinde mit den Grundstücken vor, die definitiv in Privatbesitz sind? Der Bebauungsplan Leimenkaute jedenfalls weist die Gärten – zum Teil unmittelbar ab Terrasse – als öffentliche Ausgleichsflächen für die angestrebten Neubauten im Nordosten Egelsbachs aus.

Egelsbach - Im Dezember hat die Gemeindevertretung den Bebauungsplan Leimenkaute beschlossen, um weiteren Wohnraum im Nordosten Egelsbachs zu schaffen. Von Holger Borchard 

Nun gibt’s Ärger um das Vorhaben, denn Eigentümer von Gartengrundstücken an der Karl-Nahrgang-Straße reiben sich die Augen: Ihre Grundstücke sind als Ausgleichsflächen für den Naturschutz ausgewiesen. Noch ist es bloß eine Mischung aus Verwirrung und Verwunderung über das Vorgehen der Gemeinde, die die Grundeigentümer entlang der Karl-Nahrgang-Straße auf den Plan ruft. Doch die Betroffenen lassen schon jetzt keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit, notfalls vor Gericht zu ziehen. „Durch Zufall haben wir erfahren, dass die Gemeindevertretung vor gut einem halben Jahr einen neuen Bebauungsplan Leimenkaute beschlossen hat“, schildert Matthias Mann. „Beim Blick in die Planungsunterlagen stellten etliche Anwohner fest, dass ihre Gärten als Ausgleichsflächen für Bebauung an anderer Stelle innerhalb des Leimenkaute-Plans herangezogen werden sollen.“ Diese Nachricht, in Verbindung mit der Tatsache, dass bislang niemand seitens der Gemeinde auch nur ein Sterbenswörtchen gegenüber den Grundeigentümern verlor, sorgt dafür, dass sich die Nachbarn im Quartier gegen diese Überrumpelung formieren: Matthias Mann, Besitzer des Hauses Nahrgang-Straße 14 und von Beruf Rechtsanwalt, hat einen Musterbrief an die Gemeindeverwaltung verfasst, den mittlerweile vorneweg ein halbes Dutzend Betroffene ins Rathaus geschickt haben.

„Wir wollen wissen, was die Verantwortlichen der Gemeinde vorhaben“, fasst Mann zusammen. „Beabsichtigen sie den Kauf der Grundstücke, die als Ausgleichsflächen gekennzeichnet sind, oder soll das am Ende sogar über Enteignung erfolgen? Welche Fristen sind relevant und: Ist es vorstellbar, dass die Flächen im privaten Besitz bleiben und die bisherige gärtnerische Nutzung weitergeführt werden kann?“ Sämtliche betroffenen Flächen werden seit Jahren und Jahrzehnten als Gärten genutzt. Umso unverständlicher ist den Besitzern, was dem Bebauungsplan zu entnehmen ist: „Dort heißt es, unser intensiv genutzter Hausgarten soll in eine extensiv genutzte, sprich bis auf mehrmaliges jährliches Mähen sich selbst überlassene öffentliche Wiese mit temporär wasserführenden Mulden umgewandelt werden – wo ist da der Sinn?“, fragen Martina und Martin Fitzthum, Eigentümer des Hauses Nahrgang-Straße 12.

„Der Verlust des zum Haus gehörigen Gartens bedeutet eine außerordentliche Wertminderung“, stellt Kai Hempel (Hausnummer 2) fest. Er habe sein Grundstück vor anderthalb Jahren erworben – „in dem Bewusstsein, dass ich eine Grünfläche direkt am Haus kaufe, die mir gehört.“ In diesem Bewusstsein habe er „deutlich mehr bezahlt als jene acht Euro, die gemeinhin für Ackerland aufgerufen werden.“ Das dollste Ding aus seiner Sicht ist freilich: „Die Gemeinde hatte Vorkaufsrecht – und hat es nicht gezogen!“ Daher fragt Hempel sich: „Will man uns nun über den beauftragten Projektentwickler TerraMag zum Schnäppchenpreis ausbooten? Setzt man darauf, dass wir die Widerspruchsfrist bis Jahresende verpassen?“

Pool und Feuerstelle im Garten von Petra Knapp und Thomas Goerke

Das werde keinesfalls geschehen, garantiert Matthias Mann. „Wir haben der Gemeinde eine Frist bis Monatsende gesetzt. Gibt es keine befriedigende, verbindliche Reaktion, strengen wir eine Normenkontrollklage vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof gegen den Bebauungsplan Leimenkaute an.“

Normenkontrollklage – bei diesem Wort sollte in schlechter Erinnerung an jahrelange Verzögerung der Brühl-Planung das Ohr bluten. Gleichwohl gibt sich Bürgermeister Jürgen Sieling auf Nachfrage ungewohnt zugeknöpft. „Die Umlegung des Baugebiets und der Kontakt mit allen Beteiligten obliegt der TerraMag, von daher kann ich momentan nichts sagen.“ Auf die Schreiben aus der Nahrgang-Straße werde das Bauamt mit Einladungen zu Gesprächen reagieren. Wo in selbigen die Reise hingehen könnte, deutet Amtsleiter Stephan Bierling an: „Einzäunung und gärtnerische Nutzung dieser Flächen war nie vorgesehen. Mal schauen, was die Untere Naturschutzbehörde dazu sagt.“

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