Prozess in Langen

Bewährung für Diebstahl von Waren im Wert von zehn Euro

Langen/Egelsbach - Drei Monate Haft auf Bewährung für Ladendiebstahl mit Warenwert 10,56 Euro – stehen da Vergehen und juristisches Strafmaß im rechten Verhältnis? Von Holger Borchard 

Eine Frage, die sich jüngst vor dem Amtsgericht Langen gar nicht erst stellte; verhandelt wurde bloß die Spitze des Eisbergs. Sollte man einen unscheinbaren Menschen beschreiben müssen, die Dame, die einsam und wie ein Häufchen Elend auf der Anklagebank vor Amtsrichter Volker Horn sitzt, wäre erste Wahl. Die 60-Jährige aus Egelsbach verkörpert eher den blass-biederen Typus, die Haare hochgesteckt, nervös an der Brille nestelnd und im Laufe der Verhandlung immer wieder in Tränen ausbrechend. Aber: Sitzt da am Ende eine Kleptomanin vor Gericht?

Dies zu verhandeln nimmt nicht unwesentlich Zeit in Anspruch, weil im Sinne des Strafgesetzbuchs (Paragraf 20) verminderte Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen zur Disposition steht – Fachterminus: pathologische Stehlsucht, eben Kleptomanie. Vornehmlich geht es freilich um die Aufarbeitung der Geschehnisse vom Sommer 2014 im (damals noch vorhandenen) Egelsbacher Toom-Baumarkt. Seinerzeit hatte der Ladendetektiv die Frau beim Diebstahl ertappt und ihr eine Anzeige verpasst. Nicht die erste, wie sich zeigen soll te...

„Es war heiß, ich war verwirrt, gestresst und kann heute gar nicht mehr sagen, warum ich Kassen- und Infobereich verwechselt habe und in diese Richtung gelaufen bin. Aber ich war ja noch im Bereich der Kassen, als der Herr mich angesprochen hat.“ Der „Herr“ ist der damalige Ladendetektiv, der als einziger Zeuge aussagt. Seine Version: „Ich habe die Dame im Windfang des Marktausgangs gestellt.“ Schon beim Stehlen habe er sie beobachtet. „Sie ließ zwei Flaschen Reinigungsmittel in ihrer Tasche verschwinden“. Darauf habe er die Frau „bis zum Zugriff“ nicht mehr aus den Augen gelassen.

In diesem Fall führt die Vorgeschichte zum Urteil. deutlich wird’s, als Horn das Strafregister der Angeklagten verliest. Fünf einschlägige Diebstahldelikte stehen zu Buche, eines sogar unter Mitführung einer Schusswaffe. Nicht nur in Langen, auch in Darmstadt und Frankfurt kennt sie die Anklagebänke. Viermal setzte es Geldstrafen in drei- bzw. vierstelliger Höhe; sechs Monate Haft auf Bewährung brockte ihr die Schusswaffe ein (anno 2014, verjährt).

Bilder: Zehn kuriose Kriminalfälle 2015 in Hessen

Da die Frau sich zeitweise in psychiatrischer Behandlung befand, ausgelöst von – mehrfach unter Tränen geschilderten – familiären Problemen und Nackenschlägen bis hin zu Todesfällen, ist vom Gericht ein ärztlicher Gutachter bestellt. Der Experte schließt Kleptomanie allerdings nach allen anerkannten Regeln der Medizin aus. „Dann hätte der Alltag der Dame ganz anders ausgesehen als geschildert.“

Dass Volker Horn dem letzten Wort der Angeklagten „Machen Sie die Geldstrafe bitte nicht so hoch“ indirekt entspricht und Haft auf Bewährung verhängt, müsse jene als „allerletzte Warnung“ verstehen. „Wenn Sie in einen Einkaufsmarkt gehen, müssen bei Ihnen alle Alarmglocken schrillen, auf dass Sie sich einen Einkaufskorb oder -wagen nehmen und ganz genau überlegen, was Sie anstellen“, schärft der Amtsrichter ihr ein. „Sehen wir uns im Lauf der nächsten zwei Jahre wieder, geht es ins Gefängnis!“ Eine der Bewährungsauflagen: die Zahlung von 1200 Euro Strafe an das Kinderhospiz Bärenherz in Wiesbaden.

Zehn kuriose Kriminalfälle 2014 in Hessen

Rubriklistenbild: © dpa

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