Vor der Haustür angebaut

Rewe-Center setzt auf lokale Erzeuger

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Vom Erzeuger ins Supermarktregal ist es nur ein kurzer Weg für die Obstbrände des Egelsbachers Alexander Werner (Vierter von links). Auf dem Bild ferner zu sehen sind (von links): Jürgen Sieling, Michael Weisbrod, Verkäuferin Noreen Sick, Jens Zimmermann, Jürgen Scheider, Michaela Völkel und Boris Jantz. Zur Kostprobe lädt Landfrau Elvira ein.

Egelsbach - Das Rewe-Center am Kurt-Schumacher-Ring wurde bei seiner Eröffnung vor fast drei Jahren als Meilenstein gepriesen: Der 8300 Quadratmeter große Markt soll nicht nur die Nahversorgung sichern, sondern ein „Einkaufserlebnis“ bieten. Von Julia Radgen 

Dazu gehört auch, dass er verstärkt Produkte aus der Region anbietet und mit hiesigen Erzeugern zusammenarbeitet. Apfel, Kirsche, Birne, Himbeere – Alexander Werner brennt sie alle. Der Egelsbacher stellt in seiner lizensierten Abfindungsbrennerei in der Hans-Fleißner-Straße Brände und Liköre her. „Das Obst dafür bauen wir an drei Orten in Egelsbach selbst an“, sagt der Destillateur. Daraus kreiert er den Hochprozentigen, den er abgefüllt in schlanke Flaschen auf dem Parkplatz des Rewe-Centers anbietet. Normalerweise verkauft Werner nicht unter freiem Himmel: Der Mini-Bauernmarkt vor dem Eingang ist der neueste Streich des Rewe-Centers. „Wir eröffnen damit unsere regionalen Wochen“, erklärt Regionsleiter Jürgen Scheider. Dazu ist auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Jens Zimmermann angereist.

Abseits der Aktionswochen stehen die Brände und Liköre von Alexander Werner in den Regalen der Spirituosen-Abteilung des Markts. „Die räumen wir selbst ein“, erzählt der Obstbrenner. Wenn der Markt Nachschub benötigt, liefern Werner und seine Mitarbeiter neue Obstbrände nach. „Ich kann mich nicht beklagen“, sagt der Egelsbacher über die Zusammenarbeit mit dem Konzern. Es sei sein zweites Standbein neben dem Direktverkauf bei der Brennerei. „Die Sache ist interessant für Kleinbetriebe wie uns.“ Der Markt am Kurt-Schumacher-Ring, nach Angaben des Konzerns der umsatzstärkste ganz Deutschlands, will mehr lokale und regionale Produkte vertreiben und enger mit Landwirten und Erzeugern aus seiner Umgebung zusammenarbeiten. Ein großer Teil des Obst und Gemüses stammt von Bauernhöfen aus Friedberg, Frankfurt oder Bruchköbel.

„Marktplatz der Frische“ nennt Rewe die Abteilung seines Markts, in der er diese Produkte anbietet. „Spätestens alle zwei Wochen gestalten wir diese Fläche neu“, erklärt Marktleiter Michael Weisbrod. Ockstädter Kirschen liegen zwischen einem Korb voller Gurken, die für Supermarkt-Gemüse teils ungewohnt krumm sind – dafür natürlich angebaut. „Besser direkt vom Bauern“ lautet das Motto des Siegels der Dachmarke Landmarkt, unter der der Großflächenmarkt Produkte lokaler Bauern und Erzeuger vertreibt. Die Höfe können durch die Initiative der Vereinigung der Hessischen Direktvermarkter ihren Radius vergrößern: Statt nur im kleinen Hof- oder Bauernladen landen ihre Produkte in der bunten Warenwelt des Großkonzerns. Das Angebot unter dem Siegel richte sich nach der Saison: Wenn Ziegen in Mutterschutz gingen, sei ihre Milch deshalb nicht im Angebot. Auch Fleischwurst, Honig oder Eis stammen vom Bauer statt vom Großhändler. Auf einer großen Schautafel stellt der Konzern seine Lieferanten vor: Landwirte lachen, Traktoren fahren übers Feld, Schafe stehen auf der Weide.

Überall im Markt prangen Schlagworte wie „Eigene Herstellung“ oder „hausgemacht“. Hinter den Kulissen des Markts werden täglich Würste gedreht und Schnitzel geklopft. Das Fleisch dafür stammt von einer Großschlachterei aus Bensheim, sagt Marktleiter Michael Weisbrod. „Wir produzieren auf einer Fläche, die etwa noch einmal so groß wie das Verkaufsareal ist“, erklärt er. Vor Ort werden auch Fisch geräuchert und Käse produziert. Selbst produzierte Currywurst und Schnitzel werden im hauseigenen Restaurant serviert.

Die zehn frechsten Preisfallen im Supermarkt

All das gehört zum innovativen Konzept, dass dem Ende November 2013 eröffneten Markt zugrundeliegt. Der alte Toom am Standort hatte rote Zahlen geschrieben. Deshalb hatte der Mutterkonzern nur die Option Gewand und Prinzip rundzuerneuern: „Die Alternative wäre die Schließung gewesen“, rekapituliert Scheider. Im dritten Jahr nach dem Umbau ziehen die Marktbetreiber ein positives Fazit: „Wir haben unseren Umsatz verdoppelt.“ Samstags seien alle 18 Kassen geöffnet, die Kinderbetreuung ausgebucht. 25.000 Kunden besuchen das Flagschiff des Konzerns im Egelsbacher Gewerbegebiet jede Woche, entsprechend groß ist das Einzugsgebiet.

Das merkt auch Jürgen Sieling. „Der Großteil der Kunden ist nicht aus Egelsbach“, sagt der Bürgermeister, während er sich beim Ortstermin umblickt. Eine wirkliche Konkurrenz bedeute der Rewe-Riese aber nicht für den Supermarkt in der Ortsmitte. „Der Laden hat eine ganz andere Zielgruppe“, meint Sieling. Der typische Kunde im kleinen Supermarkt kaufe nur eine Handvoll Produkte, Ältere kämen fürs Schwätzchen an der Kasse. „Das Tante-Emma-Prinzip“, sagt der Bürgermeister, der in beiden Märkten regelmäßig einkauft. Mit 800 Kunden wöchentlich trennen den Supermarkt Welten vom Center, das auf einen Besuch von minimal einer Stunde ausgelegt sei. Das sollte genügend Zeit sein, um im Sortiment nach anderen Egelsbacher Produkten zu suchen.

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