Der ganze Ort beteiligt sich am Treiben

Lebendiger kann Kerb kaum sein

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23 Zugnummern schlängelten sich vom Sportzentrum bis zum Bürgerhaus durch Eppertshausen. Und dabei ging es gleich zweifach feucht, aber stets fröhlich zu.

Eppertshausen - Mit Burschen, Mädchen, Bobbe, Baum, Umzug, Spruch, Disco, Rummel und mit ganzem Herzen feiert Eppertshausen Kerb. Das Motto vom Retten der Kirchweih, es kann wohl zu den Akten gelegt werden. Von Thomas Meier 

Denn eines machte der Ort die letzten Tage allen Besuchern klar: wem sie ist, die Kerb. Die achte Auflage der Kerb war ein echter Knaller, auch wenn nicht alle Umstände passten. Seit der Premiere der neuen Kirchweih 2009 ist der Ort um etliche Burschenjahrgänge stärker und ein tolles Gemeinschaftsfest reicher geworden. Denn den Erfolg der Neuauflage einer Kerb, die es zuvor Jahrzehnte nicht in dieser Form in Eppertshausen gegeben hatte, ist, dass der ganze Ort dahinter steht.

Dafür, dass es in diesem Jahr nur sieben Kerbburschen und -mädel plus einen neuen Kerbvadder gab, die hoch auf dem 14,30 Meter langen Baum sitzend am Freitag auf den Codigoro-Platz vor dem Bürgerhaus zum Aufstellen vorrollten, den ein Trecker heranbugsierte, machten die wenigen eine Riesenstimmung, und zwar von Anbeginn. Bei bestem Kerberöffnungswetter verfolgten viele Zaungäste das Geschehen am Platz, darunter nicht nur Delegationen aller Kerbburschen-Jahrgänge ab 2009. Das Volk kam, wollte was sehen und wurde zünftig unterhalten. Moderiert wurde das ganze Geschehen vom Kerbpräsidenten, demjenigen, der sich bei allen Rettungsversuchen der Kirchweih stets besonders hervortat, der in fast allen Vereinen Mitglied und außerdem der Bürgermeister in der politisch christlich geprägten Gemeinde ist: Carsten Helfmann. Da er auch in der Feuerwehr beim Löschen aller Brände hilft, wussten er und seine Helfershelfer auch sehr wohl die eineinhalb Handvoll Kerbjahrgängler anzuleiten, den großen Mast mit Kranz an der Spitze von der Horizontalen auf dem Schlepper in die Vertikale auf dem Ständer am Platz zu bringen. Muskelkraft plus Seiltechnik machten es möglich.

Und die jungen Hauptakteure hatten eigene Ideen eingebracht, so unter anderem eine Kerbburschen-Mädel-Vereidigung, die für Überraschung und Lacher sorgte. Abgenommen wurde ihnen der Treueschwur von Präsi Helfmann. Bei ihrem Kerbborschenherzen schwörten auch die Mädel, dass sie „lauder sind als die Ober-Röider, dass sie länger können als die Orwischer und dass ihre Bembel nie so leer sind, wie die Köpp der Minsderer“. Und so taufte sie der Kerbchef im Namen des Kerbvadders, des Bembels und der Lust – Prost.

Nach solch feuchtem Auftakt – Helfmann ließ es sich nicht nehmen, die Kerbshirts der Youngster einzuweichen, sollte zweites Highlight ebenfalls ein klitschnasses werden: Der Kerbgottesdienst am Haus Westermann ging gerade noch trocken über die Bühne, doch als sich die 23 Zugnummern vom Sportzentrum aus gen Bürgerhalle in Bewegung setzen sollten, ließ Petrus seinen Taufschleußen freien Lauf: Es schüttete wie aus Bembeln.

Bilder: Kerb in Eppertshausen

Doch macht das einem Kerb-Fan neuer Eppertshäiser Prägung etwas aus? Mitnichten. Vereine, Musikkapellen, Institutionen und die Kerbjahrgänge waren bestens drauf und auch das Publikum ließ die Akteure nicht alleine im Regen stehen. Dem farbenfrohen, fantasievollen Lindwurm wurde applaudiert und die Getränke, Bonbons und andere Gimmicks, die es so aus den Wagen und aus den Fußgruppenreihen gab, wurden dankbar aufgefangen. Da sah der Regen schnell ein, das er nichts ausrichten kann gegen so viel gute Laune. Und die kehrte sodann auch schnell in die Bürgerhalle ein, wo der Schwof bis in die späte Nacht währte.

Volle Bürgerhalle auch gleich zum Familiennachmittag am Sonntag, als der neue Kerbvadder Tom Helfmann seinen Spruch im restlos besetzten Saal loswerden sollte. „Seit gegrüßt in Eppertshause, wo die wilde Watze hause“, begrüßte der Neffe des Kerbpräsidenten die Menge, der ganz dem Papa nachkommt, einem Sitzungspräsident, den mittlerweile jeder Narr im Lande kennt. Weil: Er gewann letztes Jahr mit dem FVCA in Urberachs guter Stubb – den Titel „Hessens bester Kappenclub“. Und Tom Helfmann hatte wohl etliche Helfer für seine Rede, die an so viele kleine, meist lustige Geschehnisse im Ort erinnerte. Der Seniorenausflug warf so manche Anekdote ab, die betagtere Zuhörer gar leicht erröten lassen konnten. Und wie der Bürgermeister vom Karpfen gebissen wurde, einem Schuppenträger, der hernach auf Melanie Hartigs Schoß landete – da hatte Helfmanns Tom die Lacher ganz auf seiner Seite.

Kritisch wurde er auch, etwa fiel ihm auf, dass außer an Kerb „allerspätestens owends um acht, es aus ist mit Eppertshausens Pracht“. Ausgestorben und leer, kein Mensch auf den Straßen mehr. Ob es da nun ein Segen ist, dass nun „die Leitungen glühen, wir haben es geschafft: Die Telekom hat uns des schnelle Internet gebracht“, ließ der Redner offen. Seine eigenen Mannen mahnte er aus schlechter Erfahrung, „uff de Kerbbaum uffzupasse und kaan Minsderer zu nah ran zu lasse.“ Der Saal erfreute sich an Rede und dem Rundherum, Pfarrer Harald Christian Röper, stets gegenwärtig auf der Kirchweih, erteilte dem Treiben von Freitag bis gestern seinen Segen, und sogar Münsters Kerbvadder Edgar „Hadschi“ Kreher machte seine Aufwartung und lobte das bunte Treiben, das er mit solcher Unterstützung auch im eigenen Ort gern sähe.

Bilder: Kerb in Eppertshausen

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