Synagoge Eppertshausen

Neuer Platz für alte Gedenkstätte?

In die Ecke gesetzt wirkt der Gedenkstein an die jüdische Synagoge Eppertshausen etwas verloren und versteckt. Er soll einen neuen Platz bekommen.
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In die Ecke gesetzt wirkt der Gedenkstein an die jüdische Synagoge Eppertshausen etwas verloren und versteckt. Er soll einen neuen Platz bekommen.

Eppertshausen - Mit der Generalsanierung der Schulstraße könnte auch eine alte Gedenkstelle des Ortes eine Aufwertung erfahren: Gegenüber der Schulstraße 19, auf dessen Grundstück einst die Synagoge, das Lehrhaus der jüdischen Gemeinde stand, erinnert ein Stein mit Inschrift und Menora an den religiösen Standort. Von Thomas Meier 

Er ist allerdings in einem engen Häuserwinkel und eher unscheinbar platziert. „Wir stimmen gerade ab, ob wir den Teilbereich vor dem Gedenkstein neu pflastern oder ob wir am Verbindungsweg zwischen Schulstraße und Hauptstraße eine neue, geeignetere Stelle finden“, informiert Bürgermeister Carsten Helfmann. Dort hätte man die Möglichkeit, Informationen über die jüdischen Mitbewohner, die in der Haupt- und Schulstraße wohnten, aufzuzeigen. Die kleine, verwinkelte Fläche in der Schulstraße könne die Gemeinde verkaufen, um mit dem Erlös den neuen Platz herzurichten.

Mit den Pfarrern, Kirchenvertretern, der Eppertshäuser Shoa-Gruppe, Mitgliedern der Initiative Stolpersteine und dem VdK möchte Helfmann die Thematik erörtern und der Gemeindevertretung gegebenenfalls eine neue Örtlichkeit vorstellen. Da der Gedenkstein nicht an der Stelle einstiger Synagoge stehe und die Parksituation im Kurvenbereich der Schulstraße auch nicht glücklich ist, könne eine Veränderung für alle Seiten einen Gewinn bedeuten, sagt Helfmann. Bereits im 18. Jahrhundert wird die jüdische Gemeinde Eppertshausens urkundlich erwähnt, sie bestand bis nach 1933. „Aufgrund einer bereits 1468 genannten Flurbezeichnung ,Am Judenrain’ wurde schon vermutet, dass bereits im 15. Jahrhundert Juden in der Gegend von Eppertshausen lebten“, heißt es in der „Alemannia Judaica“ der Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum.

1828 gab es etwa 63 jüdische Einwohner

Hier ist auch nachzulesen, wie sich die Zahl der jüdischen Einwohner Eppertshausens im 19. Jahrhundert entwickelte. 1828 gab es etwa 63 jüdische Einwohner, was 7,3 Prozent von insgesamt 894 Bürgern ausmachte. Die Zahl schrumpfte bis 1871 auf 47, 1910 lebten nur noch 29 Menschen jüdischen Glauben im Ort (1,8 Prozent von 1583). Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten mehrere Familien in die USA aus. An jüdischen Namen waren am Ort in größerer Häufigkeit vertreten: Rothschild, Strauß, Reis, Wolf, Moses oder Adler. Unter den Gewerbetreibenden mosaischen Glaubens gab es Viehhändler, Kaufleute für Textilien, Kolonialwaren, Landesprodukte, Schuhe und Althandel. Etliche der Familien betrieben Läden. Neben der Synagoge in der Schulstraße waren eine Religionsschule und ein rituelles Bad Einrichtungen der Gemeinde, ihre Toten fanden auf dem jüdischen Friedhof in Dieburg ihre letzte Ruhestätte. Die Gemeinde selbst gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II.

Auch bei einer Versetzung bliebe die Inschrift gültig.

1933 lebten der „Alemannia Judaica“ zufolge noch 28 jüdische Personen in Eppertshausen (1,5 Prozent der Gesamteinwohnerschaft). Was folgte, waren schlechte Jahre: Ein Teil der Juden zog wegen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weg. Die „Judaica“ verzeichnet: „Beim Novemberpogrom 1938 wurden unter Führung des damaligen Bürgermeisters Helfrich, zusammen mit zehn bis zwölf SA-Männern und einigen Hitlerjungen die noch in Eppertshausen lebenden jüdischen Familien überfallen, ihre Wohnungen verwüstet und geplündert. Es traf die Wohnungen der Familie Bernhard Moses und der Familie Max Rothschild (Doppelhaus Schulstraße 12-14), der Familie Abraham Strauß (Hauptstraße 8; hier wohnten auch der Adoptivsohn Benjamin Siegel mit seiner jungen Frau Klara und dem vier Monate alten Sohn Salomon), der Familie Moritz Reis (Hauptstraße 52), der Familie Moses Adler (Hauptstraße 25) und der Familie Josef Reis (Hauptstraße 81). Fünf der jüdischen Männer wurden verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt (Bernhard Moses, Moritz Reis, Jakob und Josef Rothschild sowie Benjamin Siegel). Das Baby von Benjamin und Klara Siegel, das nach einem Bericht von SA-Leuten durch ein Fenster auf die Straße geworfen wurde (nach einem anderen Bericht war versucht worden, das Kind in einem Bettuch auf die Strauße hinuntergleiten zu lassen), starb einen Monat später an den Folgen der beim Novemberpogrom erlittenen Verletzungen.“

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Bis Ende Dezember 1938 hatten alle jüdischen Familien Eppertshausen verlassen, die meisten zogen nach Frankfurt. Eppertshausens Synagoge wurde von 1790 bis 1792 erbaut, über deren Geschichte nur wenige Informationen vorliegen. Ihr Ende ist wohlbekannt: Sie fiel dem Novemberpogrom 1938 zum Opfer, wurde durch die SA-Leute und wohl auch den Jungen der Hitlerjugend geschändet und verwüstet. Das Gebäude selbst blieb erhalten, kam vorübergehend in nichtjüdischen Besitz und wurde 1939 abgebrochen. Nun soll der Gedenkstein aus seiner dunklen Ecke herausgeholt und mehr in den Fokus gestellt werden.

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