Verlegung erster Stolpersteine

Erinnerndes Pflastern

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Karl J. Müller las aus seiner Schrift „Damit wir sie nicht vergessen“ über die Geschichte der Hauptstraße 63. Antje Pfau (Mitte vorn) initiierte die erste Stolperstein-Aktion Eppertshausens.

Eppertshausen - Die Luft in der Hauptstraße flirrt in der stehenden Hitze. Doch das ficht knapp zwei Dutzend Menschen nicht an, einem Pflasterer bei seiner schweißtreibenden, aber eminent symbolträchtigen und wichtigen Arbeit vor dem Haus Nummer 63 zuzuschauen. Von Thomas Meier

Der in Berlin geborene und bei Köln lebende Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in Eppertshausen. Für ihn, der in 14 Ländern Europas bereits über 40.000 solcher kleinen Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus verlegte, schon Routine. Für Eppertshausen indes sind es Premieremahnsteine. Es sollten nicht die letzten sein, wünscht sich bei der sehr eindrücklichen Veranstaltung der sichtlich bewegte Vorsitzende der Gemeindevertretung, Rainer Eder.

Die sechs Eppertshäuser Stolpersteine im Schatten ihres Künstlers, Pflasterers und Hutträgers Gunter Demnig: Es gebe noch etliche Stellen im Ort, an denen sich solche Mahnmale gut ausmachen würden, befand Rainer Eder.

Bewegt und in Gang gesetzt hat die Stolperstein-Verlegung Antje Pfau, unterstützt von ihrem Mann Martin Hug, ihrer Familie sowie einer Handvoll Mitstreiter aus Freunden und Bekannten. Die Rodgauerin wohnt seit 15 Jahren in der Hauptstraße 63, dem Haus, das ihr Mann, auch ein Rodgauer,vor etwa 20 Jahren kaufte. Und vor zehn Jahren bekam die Familie Besuch. Der kam in Gestalt von Laura Bing, Jahrgang 1930, direkt aus good old America, New York. Die betagte Dame war auf der Suche nach ihren Wurzeln, wollte ihr Geburtshaus sehen. Und so erfuhren die Bewohner von der Enkelin des Erbauers der damals noch als Hauptstraße 75 firmierenden Adresse etwas über die bewegende Geschichte ihrer Heimstatt. „Ich hab hier mal gewohnt“, habe sich Laura Bing als Nachfahrin von Moses Adler vorgestellt, erinnert sich Antje Pfau an den Besuch, der sie zu genauerer Recherche veranlasst habe. So sei sie später auf den Heimathistoriker Karl J. Müller aus Münster gestoßen, der in seiner Schrift „Damit wir sie nicht vergessen“ bereits Mitte der 1980er Jahre an das Schicksal der jüdischen Bürger von Eppertshausen erinnerte. Der 77-Jährige erläuterte zur Stolpersteinlegung auch die Historie des Hauses.

Im Ersten Weltkrieg noch ausgezeichnet

Moses Adler, ein selbstständiger Metzgermeister aus Sterndorf bei Alsfeld, Jahrgang 1873, hatte im Jahr 1900 mit seiner Gattin Johanna, geborene Bentheim aus Götzenhain, sein Haus gegenüber des damaligen Postamtes errichtet. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, David, geboren 1902, und Henni, 1903. Moses Adler war Teilnehmer des Ersten Weltkrieges, dafür sogar ausgezeichnet worden. Was ihn und seine Familie als Juden allerdings nicht vor den Nazis schützen sollte. Karl Müller erinnert: „Uns wurde berichtet, dass an dem Tag, an dem die Auswanderungspapiere gekommen seien, sie von der Gestapo abgeholt und deportiert worden wären. Dies ist jedoch nicht verbürgt.“

Sicher ist jedoch, dass Moses und Johanna Adler am 15. September 1942 abgeholt und ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden. Müller: „Genau zwei Monate später ist Johanna Adler dort gestorben. Ihr Mann Moses hat danach kein Jahr mehr gelebt“.

David Adler, taubstummer Sohn des Moses, war von Beruf Zuschneider und hatte wohl eine große Liebe zum Fußball. „Als die Nazis an die Macht kamen, wurde ihm das Mitfahren mit seinem Verein, dem FVE, zu Auswärtsspielen verwehrt, was ihm auch sehr nahe gegangen sein soll“, erinnerte Müller. Wann und wohin David Adler verschleppt wurde, ist nicht bekannt. Er gilt als „verschollen“. Seine Schwester Henni Bing, geborene Adler, war am 14. November 1903 in Eppertshausen geboren. Ihr gelang die Flucht 1936 mit Tochter Laura in die USA.

Sechs Steine erinnern an Schrecken der Nazizeit

An insgesamt sechs Personen erinnerte Müller, ihnen sind auch die sechs Stolpersteine gewidmet, die nun vor dem Haus Hauptstraße 63 an die Schrecken der Nazizeit erinnern sollen. Getreu der Worte aus dem Talmud: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Demnigs erinnernde, nachhaltig mahnende Arbeit zu finanzieren war Antje Pfau und ihren Mitstreitern wichtig, wofür sie auch den Beifall der christlichen Pfarrer Eppertshausens sowie etlicher Freunde bekamen.

Und ergriffen war Rainer Eder. 1935 hätten 35 Juden in Eppertshausen gewohnt, berichtete der Vorsitzende der Gemeindevertretung, selbst 1944 in Eppertshausen geboren. „Es gehört zur Geschichte unseres Ortes, dass auch hier Juden verfolgt wurden“, sagte Eder, den Mut der heutigen Bewohner von Hauptstraße 63 lobend: „Es gibt noch viele Häuser, vor denen solche Stolpersteine liegen sollten.“ Freilich habe es auch einige wenige gegeben, die, „als damals die Stimmung umschlug“, den Verfolgten hätten helfen wollen. Doch den meisten sei die rechtzeitige Flucht nicht gelungen. „Verfolgung bedeutet Auslöschung von Minderheiten. Es gilt, den arischen Wahnsinn Adolf Hitlers als böse in Erinnerung zu behalten und als solchen zu brandmarken“, sagte Eder.

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