Umschlagplatz für Drogen

Aggressive Dealer nerven Geschäftsleute im Bahnhofsviertel

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Auf offener Straße bereitet ein Drogensüchtiger in der Niddastrasse im Bahnhofsviertel von Frankfurt seine Crackpfeife vor, während ein zweiter Mann nach der Polizei Ausschau hält.

Frankfurt - Aggressive, machtbewusste Dealer sorgen im berüchtigten Frankfurter Bahnhofsviertel für neuen Ärger. Die Geschäftsleute sind genervt, einige auch verängstigt. Abhilfe ist so schnell nicht in Sicht.

Die Dealer in der Niddastraße sind in kleinen Gruppen unterwegs und gehen arbeitsteilig vor. Ihre Warnkette mit Handzeichen und Handys funktioniert über ganze Straßenzüge im Frankfurter Bahnhofsviertel. "Wenn ein Streifenwagen um die Ecke biegt, sind sie weg", berichtet eine Angestellte, die das Treiben aus ihrem Büro verfolgt, aber nicht mit Namen genannt werden will. Viele Ladenbesitzer sind genervt, einige haben auch Angst. Sie berichten unisono vom aggressiven Auftreten der Drogenhändler und sogar von Drohungen. Außerdem ärgern sie sich über Urin und Fäkalien vor ihren Schaufenstern. Aus Furcht vor Übergriffen und vor Schäden an ihren Geschäften wollen Inhaber und Angestellte aber lieber anonym bleiben.

Die Polizei geht von ein "paar hundert Dealern" aus und kontrolliert die Szene im Bahnhofsviertel regelmäßig. Polizeisprecher Alexander Kießling spricht von mehr als 60 größeren und kleinen Kontrollen in der letzten Zeit. Dabei überführen die Beamten auch immer wieder mutmaßliche Rauschgifthändler. Große Mengen haben diese jedoch selten dabei. Die Drogen werden vielmehr in Ritzen und Spalten von Hauswänden und Böden, an Mülleimern, Briefkästen und einem Hochbeet versteckt, gebunkert und bewacht. "Der Nachschub wird weiter weg gelagert und bei Bedarf geholt", berichtet Kießling.

Oft dauert es aber nur einige Stunden, bis die mutmaßlichen Dealer nach einer Festnahme wieder auf ihrem alten Platz stehen. Juristen erklären das so: Es liege dann offensichtlich kein Haftgrund vor, ermittelt werde aber natürlich weiter. Auch im Wiederholungsfall sei die Verhältnismäßigkeit in der Haftfrage zu beachten. Dabei entscheide die unabhängige Justiz in Frankfurt sehr liberal, kritisieren Anwohner. Viele Dealer wissen das jedenfalls offensichtlich genau und fürchten die Polizeikontrollen nicht besonders.

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Die Ladenbesitzer loben die Arbeit der Polizei, fühlen sich aber von der Justiz und auch von der Stadt im Stich gelassen. Auch viele junge, engagierte Polizisten demotiviert das. "Sie fragen sich, wofür mache ich das?", erzählt ein erfahrener Beamter. Zwar beraten Stadt, Polizei, Justiz und Ladenbesitzer regelmäßig über die Lage, und die Stadt- und Landespolizei arbeiten im Bahnhofsviertel auch eng zusammen. Das Problem ist aber nicht so einfach in den Griff zu kriegen, heißt es überall. Andrea Brandl vom Ordnungsdezernat sagt: "Das ist eine Sisyphusarbeit." Die Polizei weiß: "Die Szene verschiebt sich immer ein bisschen." Zu wechselnden Orten kommen auch neue Händlergruppen - und aggressive, lautstarke Revierkämpfe. Dabei werden auch mal Gegenstände durch die Niddastraße geworfen und Glas splittert. "Je weniger Platz bleibt, desto heftiger treten die Dinge an manchen Orten zutage", sagt Oskar Mahler vom Gewerbeverein des Bahnhofsviertels.

Kießling verweist auch darauf, dass Münchener und Kaiserstraße inzwischen so saniert seien, dass sich dort so gut wie keine Dealer mehr fänden. Nach mehreren Razzien in der zuletzt berüchtigten Taunusstraße seien einige offenbar in die benachbarte Niddastraße abgewandert, heißt es im Viertel. Verschiedene Veranstaltungen und Zwischenmieter leerstehender Gebäude hätten auch ein etwas anderes Publikum in die Taunusstraße gezogen, sagt Brandl. Außerdem soll es an der Ecke zur Elbestraße dort bald Videoüberwachung geben. Darauf hatten sich SPD, CDU und Grüne in ihren Koalitionsverhandlungen geeinigt. Allerdings fänden sich nicht alle Vorschläge von Polizeipräsident Gerhard Bereswill zur Videoüberwachung von Brennpunkten im Koalitionsvertrag wieder. Für die Niddastraße ist sie nicht vorgesehen. In dem dunklen Durchgang zur Düsseldorfer Straße könne aber möglicherweise Licht etwas bewirken.

Bilder: Drogendealer im Bahnhofsviertel

Frühmorgens rieche es überall nach Urin und anderen Ausscheidungen, berichten Ladenbesitzer aus der Niddastraße. Dies ändere sich erst mit der Straßenreinigung. Einige Hausbesitzer greifen auch selbst zum Schlauch. Dann kämen allmählich die Dealer. "Am meisten Betrieb ist in der Mittagspause und nach Büroschluss", hat ein Ladeninhaber beobachtet. "Die Kunden sind ja längst nicht nur abgerissene Junkies, sondern auch junge Leute und Büroangestellte." Verkauft wird offensichtlich vor allem Crack, die Kaudroge Kath sowie Haschisch und Marihuana. Wenn sich der Kunde und sein Dealer handelseinig sind, nimmt oft einer das Geld, ein anderer gibt das gekaufte Rauschgift aus. Das Geld wird oft einem Dritten übergeben, der die Summe umgehend auf irgendwelche Konten einzahlt. "Wenn man sieht, was die für Geldbündel aus den Taschen ziehen, sieht das so aus, als ob die ein dickes Geschäft machen", sagt Mahler.

Die Geschäftsinhaber versuchen unterdessen Konflikte mit den Dealern zu vermeiden, gehen vorsichtshalber wortlos an ihnen vorbei und wappnen sich. "Schmuck trage ich keinen mehr, und meinen Schlüssel habe ich immer in der Hand, notfalls auch um mich zu wehren", sagt eine Frau. (dpa)

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