Test bringt angeblich Netto-Entlastung

Al-Wazir: Lärmpausen sollen bleiben

So wirkt sich die zeitweise Schließung von Start- beziehungsweise Landebahnen zwischen 22 und 23 Uhr und zwischen 5 und 6 Uhr aus. Die roten Balken und Messwerte zeichen einen Anstieg der durchschnittlichen Schallbelastung (dBA), die grünen eine Entlastung. Was bedeutet eine Änderung des Dauerschallpegels? Eine Halbierung der Flugbewegungen pro Zeiteinheit würde – wenn Flugzeugmix oder Wetter gleich blieben – den Dauerschallpegel um 3 dB(A) mindern.
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So wirkt sich die zeitweise Schließung von Start- beziehungsweise Landebahnen zwischen 22 und 23 Uhr und zwischen 5 und 6 Uhr aus. Die roten Balken und Messwerte zeichen einen Anstieg der durchschnittlichen Schallbelastung (dBA), die grünen eine Entlastung. Was bedeutet eine Änderung des Dauerschallpegels? Eine Halbierung der Flugbewegungen pro Zeiteinheit würde – wenn Flugzeugmix oder Wetter gleich blieben – den Dauerschallpegel um 3 dB(A) mindern.

Wiesbaden - „Kein Nullsummenspiel, sondern eine klare Nettoentlastung der Region“ –seit zehn Monaten werden am Frankfurter Flughafen siebenstündige Lärmpausen erprobt. Von Michael Eschenauer

Gestern hat Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir Messergebnisse vorgelegt, die das Konzept offensichtlich bestätigen. „Die Lärmpausen funktionieren reibungslos, die Lärmbelastung konnte messbar gesenkt werden, und die Menschen wollen, dass wir die Lärmpausen beibehalten“, fasste der Grüne gestern die Ergebnisse der von einer Arbeitsgruppe des Forums Flughafen und Region erstellten Studie zusammen. Bereits am 9. März soll die Analyse in der Fluglärmkommission beraten werden. Al-Wazir, der darauf hinwies, dass das Lärmpausen-Konzept auch auf die Initiative dieses durch Flughafen-Anrainerkommunen geprägten Gremiums zurückgeht, zeigte sich sicher, dass der Versuch fortgeführt und später in einen Regelbetrieb münden wird. Für das nächste Jahr kündigte der Grünen-Minister ein „zweites Maßnahmenpaket Aktiver Schallschutz“ an.

Entkräften konnte der Minister das Argument mancher Kritiker des Lärmpausen-Konzepts, dass die Bündelung der Flugbewegungen in den Tagesrandstunden auf bestimmten Start- und Landebahnen wegen betrieblicher Gründe oder Wettereinflüsse immer wieder behindert würde. So konnte das Konzept wieder Erwarten an etwa sieben von zehn Tagen umgesetzt werden. Hauptgrund für das Streichen einer Lärmpause waren Witterungseinflüsse oder Bauarbeiten an Rollbahnen. Deshalb liegt der Nutzungswert für den gewitterreichen Juli 2015 zum Beispiel abends bei nur 72 Prozent. Im August 2015, als die Centerbahn saniert wurde, erreicht er 84 Prozent. Dies sind die schlechtesten Werte im Beobachtungszeitraum. Insgesamt beziffert die Studie die Umsetzungsquote der Lärmpausen auf 89 Prozent am Abend und 96 Prozent am Morgen. „Das bedeutet, dass die Lärmpausen praktisch seit dem ersten Tag mit einer sehr hohen Verlässlichkeit zur Anwendung gekommen sind“, bilanzierte Al-Wazir.

Im wichtigsten Teil der Studie, in dem es um die tatsächliche Lärmminderung des Bahn-Nutzungskonzepts geht, kommt die Arbeitsgruppe des Forums Flughafen und Region zu dem Ergebnis, dass „insgesamt eine deutliche Reduzierung der Lärmbelastung in den jeweiligen Randstunden“ erzielt wurde. Besonders wichtig: Die Entlastungswirkung dadurch, dass Anflüge „wegverlagert“ wurden, ist „deutlich höher“ als die Mehrbelastung in den Bereichen, wo sich die Flugbewegungen während der fraglichen Stunde dann konzentrieren. (siehe Grafik).

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Unter der Anflugroute auf die Nordwest-Landebahn kommt es wie erwartet abends zu erheblichen Entlastungen, weil hier Landungen zwischen 22 und 23 Uhr unterbleiben. In Neu-Isenburg aber sind die Entlastungen am Morgen, wenn die Südbahn für eine Stunde geschlossen wird, größer als die zusätzlichen Belastungen am Abend, wenn sich die Landevorgänge auf der Südbahn konzentrieren.

Günter Lanz, Geschäftsführer des Umwelt- und Nachbarschaftshauses, hob gestern die zum Teil erheblichen Minderungen der durchschnittlichen Lärmbelastung am Abend in Frankfurt-Sachsenhausen und in Frankfurt-Oberrad um minus 10 dB(A) hervor. In Offenbach sinkt der Dauerschallpegel in der Nachtrandstunde um 5 dB(A). Die Reduzierung um 10 dB(A) bedeute, so Lanz, dass praktisch in diesen Zonen kein Fluglärm mehr zu hören sei. Es bleibe „maximal ein leichtes Rauschen“.

Frankfurt, Frankfurt-Süd und Offenbach-Kernstadt sind die Gewinner des Konzepts: Trotz des im Rahmen des Lärmpausen-Konzepts verstärkt auftretenden Landeverkehrs am Morgen auf der Center- und der Nordwest-Landebahn gibt es in Frankfurt ebenfalls leichte Lärmverminderungen. In Offenbach steigt die Belastung zumindest nicht an. Für Hanau und Mühlheim die ebenfalls von einer Schließung der Nordwest-Landebahn profitieren müssten, gibt es keine Lärmwerte.

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In den südlichen Bereichen Offenbachs nimmt die abendliche Belastung um 3,5 dB(A) zu. An den drei Messstationen in Neu-Isenburg steigen die Dauerschall-Abendwerte um 1,5 um 2,5 und um 4,5 dB(A). Morgens, wenn die Südbahn nicht für Landungen genutzt wird, sinkt der Dauerschallpegel in Neu-Isenburg um 6 beziehungsweise 4 dB(A). Minister Al-Wazir sprach gestern von einem „Beleg dafür, dass eine Entlastung der Region möglich ist“. Die Entlastung durch eine „intelligente Bahnnutzung sei „echt und messbar“.

Nachbesserungsbedarf gibt es bei der „Außenwirkung“ der Lärmschutzmaßnahme: Bei einer Umfrage unter zufällig ausgewählten Personen und repräsentativen Bevölkerungsgruppen – insgesamt werteten die Meinungsforscher die Äußerungen von rund 1 700 Menschen aus – zeigte sich, dass die abendlichen Lärmpausen bei 91 Prozent zu keiner Veränderung ihres Alltags geführt haben, eine Verschlechterung glaubten drei Prozent wahrzunehmen. Bei den morgendlichen Lärmpausen spürten 88 Prozent keine Veränderung, 7 Prozent sahen eine Verschlechterung. Eine Verbesserung verspürten lediglich 6 Prozent am Abend und 5 Prozent am Morgen. Einem Drittel war das Konzept der Lärmpausen bekannt, zwei Drittel hatten „schon mal davon gehört“. Eine eher negative Einschätzung der Maßnahme hatten 24 Prozent, neutral sahen 33 Prozent die Lärmpausen. 43 Prozent fanden die Lärmpausen gut. 71 Prozent plädierten dafür, das Konzept fortzuführen.

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Al-Wazir will sich nicht nur hierfür einsetzen, sondern auch für Lösungen, die den Gebieten westlich des Flughafens nutzen. Denn bisher arbeitet das Lärmpausen-Konzept nur bei Starts und Landungen gen Westen. Herrscht Ostwind und nahen die landenden Flieger aus Richtung Wiesbaden, findet keine Schonung bestimmter Gebiete statt. Auch für diejenigen Bereiche in den südlichen Teilen Offenbachs, die bisher keine Ent-, dafür aber eine deutliche Mehrbelastung aushalten müssen, versprach der Minister weitere Anstrengungen. Die Lärmpausen seien „kein Allheilmittel gegen den Fluglärm, aber ein wichtiger Baustein in unserer Strategie, die Belastungen Schritt für Schritt zu verringern“.

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