Konzert in der Frankfurter Festhalle

Silbermond: Nahbar und gänzlich uneitel

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Stefanie Kloß ist der Dreh- und Angelpunkt der Bautzener Band Silbermond.

Frankfurt - Mittendrin statt von oben herab: Die Bautzener Rockband Silbermond brannte in der proppenvollen Frankfurter Festhalle ein famoses Konzert-Feuerwerk ab. Von Peter H. Müller 

Die Zutaten waren: „Leichtes Gepäck“, kluge Botschaften, ein neuer Teamspirit und eine gnadenlos authentische Frontfrau. Stefanie Kloß ist so etwas wie Nena auf Speed - nur ehrlicher, konditionsstärker, nahbarer und entwaffnend uneitel. Fängt doch schon gleich ungewöhnlich intim an: 20.45 Uhr schrabbt Gitarrist Thomas Stolle zunächst noch ein erstes, moderates Solo in die Saiten. Dann fängt ein Scheinwerfer auch Frau Stefanie ein, die das Intro „Die Mutigen“ mal ganz mutig in der Hallenmitte, direkt zwischen den Fans anstimmt, um sich fröhlich abklatschend den Weg in Richtung Bühne zu bahnen. Es ist nicht das letzte Mal, dass die 31-Jährige auf Tuchfühlung mit den Silbermond-Anhängern geht, die sie später im wahrsten Wortsinn auf Händen tragen werden.

Hat gute Gründe: Unentwegt wird sie in den nächsten 150 Minuten über den riesigen Laufsteg trollen, sich fast die Arme auskugeln beim Animieren des Publikumschores. Sie wird schwitzen, was die Haut so hergibt, immer wieder bewegt Tränen verdrücken über besondere Momente und Stimmungen, und vor allem mit großen Augen diese Zuneigung bestaunen, die ihr da geschätzte 8000 Menschen entgegen jubeln - wenn sie nicht Arm in Arm neben ihr auf der Rampe stehen dürfen.

Natürlich ist Stefanie Kloß der Dreh- und Angelpunkt dieses Abends - echt, unprätentiös, sympathisch, mit starker Stimme und noch mehr Ausstrahlung. Eigentlich ist es völlig wurscht, ob sie nun Balladen wie „Das Leichteste der Welt“ und „Allzu menschlich“, Mitsing-Hits wie „In Zeiten wie diesen“, „Irgendwas bleibt“ und „Symphonie“ oder kernigen Deutschrock der Marke „Keine Angst“ zum Besten gibt.

Sie singt jeden Song als sei es der letzte. Und ihre großartige Band um Tour-Keyboarder Till Sahm und Bassist Johannes Stolle tut ein Übriges. Vielleicht verströmt dieses Konzert auch deshalb ein so fulminantes Flair, weil es in gerade in jüngster Zeit eben so nicht mehr zu erleben war. Silbermond steckten nach zehn Erfolgsjahren (mit dem stets gleichen Produzenten) im Erfolgsstau. Es gab keine Veränderung, keine Weiterentwicklung mehr - aber reichlich Selbstzitat.

Bilder: Silbermond in der Frankfurter Festhalle

Es kriselte, auch weil die Band diesen Ballast selbst mehr und mehr spürte. Etwas Neues musste her, vor allem ein frischer Teamspirit. Also ging an man mit anderen Produzenten ans Werk, um drei Jahre nach „Himmel auf“ das nächst Album im Hotspot Nashville einzuspielen - binnen zwölf Tagen, quasi in einem Rutsch. Stefanie Kloß sagt heute, diese Intensiv-Arbeit an „Leichtes Gepäck“ war die vielleicht „geilste Zeit, die wir als Band hatten“. Noch wichtiger scheint: Die wiedergefundene Leichtigkeit ist auch live in jeder Sekunde zu spüren.

Klar, Silbermond-Songs sind, gerade wenn es allzu pathetisch wird, immer noch eine belebte Zielscheibe für Kritiker, denen da zu hartnäckig durch die rosarote Brille, wahlweise eben durch die Tränendrüse getextet wird. Nur, wenn das so grandios authentisch rüberkommt, muss man einfach konstatieren: coole Show. Und zwar längst nicht nur für die Generation Latte Macchiato laktosefrei. Nein, der Silbermond strahlt wieder ziemlich hell, für ein erklecklich heterogenes Publikum, das auch die wohl durchdachten politischen Botschaften gegen Hass, Ausgrenzung und Gewalt frenetisch bejubelt. Gut so.

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