Von Rammstein über Nirvana bis Robbie Williams

Batschkapp: Bereits 40 Jahre Frankfurt gerockt

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Backstage mit den New-Wave-Heldinnen: The Bangles kamen aus Kalifornien nach Frankfurt.

Frankfurt - Fragt man Ralf Scheffler nach der persönlichen Top Five seiner Lieblingskonzerte aus 40 Jahren Batschkapp, erwischt man den Geschäftsführer von Frankfurts legendärer Livebühne auf dem falschen Fuß und bringt ihn ins Grübeln. Von Detlef Kinsler

„Da müsste ich erst mal alles Revue passieren lassen“, merkt er an. „Es waren einfach zu viele Auftritte. “ Schließlich fallen ihm spontan doch drei Favoriten ein. Die US-Rock’n’Roller Mink deVille, die australischen Rocker Midnight Oil und Nico. „Die hat mich besonders beeindruckt“, schwärmt Scheffler von der Deutschen, die einst als Christa Päffgen aus Köln auszog, um in New York als Andy-Warhol-Muse und Velvet-Underground-Sängerin zur Stil-Ikone aufzusteigen. Am 14. Oktober 1985 nahm Nico hinter ihrem indischen Harmonium Platz, um mit hypnotischen Versionen von Klassikern wie „My Funny Valentine“, „The End“ von den Doors und „Femme Fatale“ (auf den Leib geschneidert von Lou Reed) zu begeistern.

Nur einer von vielen Höhepunkten auf einer langen Liste von Künstlern, die man zum Jubiläum des Kulturzentrums alphabetisch auflistete. Illustre Namen finden sich darauf, die den Status der „Kapp“ unterstreichen. Die berühmtesten darunter sind ganz sicher Die Ärzte, Pearl Jam, Nirvana, The Bangles, Sinéad O’Connor, Rammstein und Robbie Williams, die alle zu Beginn ihrer Karrieren nach Eschersheim kamen. Schließlich gehörte es auch immer zum Anspruch der Clubmacher, Karrieren mit anzuschieben.

In den ersten Jahren war die Batschkapp über der Szenekneipe Elfer in der Maybachstraße 24 in freier und gleicher Selbstverwaltung ein Treffpunkt für die autonome und linke Gegenkultur in der Stadt. 1977 spielten in der ehemaligen Diskothek Underground-Gruppen wie Embryo und Checkpoint Charlie. Auch ein Sponti-Kabarett wie „Karl Napp’s Chaos Theater“ um Matthias Beltz fühlte sich hier zuhause. Obwohl in dem Haus an der Trasse der Main-Weser-Bahn „ein Fausthieb noch als filigranes intellektuelles Argument galt“ (Ex-Außenminister Joschka Fischer), war Scheffler „geschockt, als die Punks kamen“. No Future und Pogo bedeutete Krawall.

„Die Achtziger waren aber das wichtigste Jahrzehnt“, erklärt der Chef heute. „Bei Punk und New Wave waren wir federführend, da hat eine ganze Generation quasi ihre Jugend in unserem Laden verbracht. Weil Punk nicht nur Musik, sondern eine Jugendbewegung war. Mit eigenen Labels und Publikationen. Das ist der entscheidende Punkt.“

Abwärts, Fehlfarben, Ideal und Wirtschaftswunder rockten das Haus. Von der Insel kamen UK Subs, Sisters of Mercy oder Killing Joke. Annähernd wichtig und relevant empfand Scheffler später nur noch die Grunge-Bewegung – Nirvana schauten im November 1991 vorbei, Pearl Jam und Mudhoney wenig später – und die Hip-Hopper. „Schon im Rock’n’Roll wollten alle schön, reich und berühmt werden, von unten nach oben kommen. Die Rapper machten das noch unverblümter.“ Klingt da Respekt durch bei Scheffler?

Schon Ende der Achtziger reifte die Idee, einen anderen Standort für die Batschkapp zu suchen. Zu klein und zu eng war es an der Peripherie geworden. Zu viele bekanntere Bands konnten aus Kapazitätsgründen nicht auftreten. Neubauten wurden diskutiert, Bauplätze besichtigt, mit bereits vorhandenen Locations, etwa dem Bockenheimer Depot, geliebäugelt. Sogar ein Abwandern nach Offenbach stand einmal auf der Agenda.

Längst unterstrich das Batschkapp-Team mit Hallen- und später auch Open-Air-Konzerten seinen Ruf als professioneller Veranstalter. Die Toten Hosen, dem Haus ohnehin eng verbunden, gingen schon 1994 mit der „Kapp“ in die Festhalle, den Ärzten gefiel die Idee, im Stadion am Böllenfalltor in Darmstadt aufzutreten. Höhepunkt waren bis dato zwei Abende vor jeweils 90.000 Fans am Hockenheimring mit Superstar Robbie Williams. Das klingt nach Champions League am Formel Eins-Kurs.

Shantel eröffnet die neue Batschkapp

Nur der Umzug schien sich zu einer unendlichen Geschichte zu entwickeln. Überraschend kam das Liegenschaftsamt der Stadt Frankfurt Mitte 2011 mit dem Vorschlag, sich das brach liegende Gelände der Zimmer AG in Seckbach-Süd anzuschauen. „Als ich die Halle das erste Mal im nackten Zustand gesehen habe, gefiel sie mir eigentlich ganz gut. Das war jetzt nicht von außen so, wie man es gern hätte, also kein Industriebau, 19. Jahrhundert, sondern eine 50er-Jahre-Halle“, meinte Scheffler damals. „Man muss einfach davon überzeugt sein, dass das was werden kann.“

Aber bei allem Tatendrang dauerte es noch ein Jahr, bis der Pachtvertrag unterschrieben werden konnte. Zudem galt es, die Finanzierung (1,8 Millionen Euro wurden anfangs für den Umbau veranschlagt) zu sichern, Sponsoren und Partner zu finden. Am 18. März 2013 konnte Scheffler den genehmigten Bauantrag im Amt abholen, im Dezember eröffnete Shantel mit seinem Bucovina Club Orkestar die Multifunktionshalle mit einer Kapazität von bis zu 1 500 Besuchern.

Natürlich trauerten viele alte Batschkapp-Enthusiasten dem alten, geschichtsträchtigen Gemäuer nach. Die gewohnte Atmosphäre fehlte ihnen in der Gwinnerstraße. „Patina wird enorm überbewertet. Verranzt wird es von selber“, konterte Scheffler, der Jahrgang 1948 ist. Wer sich auf ein solches Abenteuer einlässt, wenn andere in Rente gehen, der lässt sich sein Lebenswerk nicht vermiesen.

Tankard in der Batschkapp Frankfurt: Bilder

Zumal Scheffler, der Konzertprofi, in den vergangenen zehn Jahren wieder einen anderen Zugang zu Musik und Musikern gefunden hat. Zum 30. Jubiläum stellte er eine Hausband zusammen. Schließlich hatte er mit 15 eine Band in Hochheim, liebte die Rolling Stones, schaffte es bei einem Beat-Wettbewerb bis ins Kurfürstliche Schloss Mainz. Aber The Terrible Noises gingen nach zwei Jahren auseinander, Scheffler zog es nach Frankfurt. „Da kam die Politik und das war dann wichtiger.“

Diese Bretter bedeuten die Welt: Ex-Sponti Ralf Scheffler ist stolzer Inhaber des Clubs, der 2012 den Live Entertainment Award der Musikmesse erhielt.

Nach einem Jahr Gitarrenunterricht ging es dann zurück auf die Bühne. „Das war schlimmer als aus dem Flugzeug herauszuspringen“, erinnert sich der passionierte Fallschirmspringer. Inzwischen hat er mit seinem Quartett drei Mal auf der Freakstage des Herzberg Festivals gespielt. „Ich habe dadurch wieder einen anderen Zugang zum Geschäft gefunden“, konnte Scheffler die Routine durchbrechen. „Es hat mich wieder interessiert, was die anderen Bands da auf der Bühne machen.“ Ganz abgesehen davon, dass das Musikmachen wie ein Jungbrunnen wirkt. Der 40. Batschkapp-Geburtstag wird am 30. September ab 23 Uhr mit Hits aus 40 Jahren und den DJs Buffalo Bude und Wallace Love gefeiert. Der Eintritt kostet 5 Euro, dafür werden 1000 Liter Freibier spendiert. Da lässt sich dann trefflich in Erinnerungen schwelgen.

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