45.000 Fans im Stadion

Beyoncé in Frankfurt: Stil, Aura und entwaffnend sexy

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Beyonce

Frankfurt - Es war wohl „die“ Stadion-Show der Saison: R'n'B-Diva Beyoncé, mit ihrem gänzlich verfilmten Visual-Album „Lemonade“ gerade für elf MTV Music Awards nominiert, gab in der Commerzbank-Arena ihr zweites Deutschland-Konzert. Von Peter H. Müller

„Okay Ladies, gehen wir in Formation“. Und alle Fans am besten gleich auf die Knie - die einzig wahre Königin des Pop hat nämlich zur Audienz gerufen, um mit ihrer „Formation World Tour“ die wahrscheinlich aufregendste Stadion-Show der Saison abzuliefern. Gelingt famos. Beyoncé Giselle Knowles-Carter verwandelt die von 45 000 ekstatischen Fans bevölkerte Commerzbank-Arena in ein Tollhaus und erfindet nebenbei mal eben den Feminismus neu. Was soll nach diesem stylischen Spektakel eigentlich noch kommen? Arbeiten wir doch zunächst einmal ganz nüchtern Fakten ab: Beyoncé hat im Gepäck eine Soldateska aus 20 ausnehmend attraktiven Tänzerinnen, dazu eine ausschließlich weiblich besetzte Band, eine Playliste mit weit über 30 Songs vom Opener „Formation“ bis zum Rausschmeißer „Halo“, die – seltsamer Trend– größtenteils nur in Fragmenten, Kurzversionen oder Medleys abgehakt werden.

Um „Queen Bey“ herum sind eine opulente Haupt- und eine Zweit-Bühne, verbunden durch einen Catwalk samt Laufband aufgebaut. In der Mitte der Center Stage thront ein gut 20 Meter hoher, etwa acht Meter breiter, rotierender LED-Video-Kubus, der fast das Stadiondach küsst. Es wird ein nettes Feuerwerk geben, ganz viele Großaufnahmen von sehr schönen Frauen in supersexy Kostümen, eine gefühlte Tonne Konfetti regnen - und am Ende geht es auch zu einer Pool-Party in die Mitte der Arena, wo die Mädels barfuß in einem 5 000-Liter-Planschbecken herumtoben werden.

Ganz sicher ist diese Aufzählung nun nicht komplett, denn man muss eine derart präzise choreografierte Überwältigungs-Show eigentlich zwei Mal sehen, um wirklich alle Details zu listen. Aber all dieses Beiwerk erzählt auch Nullkommanull von der Energie und Grandezza, die dieses atemberaubend perfekte Entertainment verströmt. Beyoncé scheint auf dem Zenit und längst mehr als einer der größten weiblichen Popstars oder prominenteste Galionsfigur der „Black Lives Matter“-Bewegung: Sie ist Identifikationsfigur, Stil-Ikone, Role Model, Idol einer ganzen Generation. Hat gute Gründe. Während eine Helene Fischer dem Sex den Sex ausgetrieben und dem Schlager-Pop einen antiseptischen Veganismus eingehaucht hat, zelebriert Beyoncé in ihrem R´n´B-Cocktail das exakte Gegenteil – Fleisch ist mein Gemüse, oder so. Ihr gnadenlos selbstbewusster Gestus, der aus jeder Pore von Hits wie „Boy Down“, „Hold Up“, „Crazy in Love“ oder „Naughty Girl“ quillt, wirkt einfach derart tough, dass wohl selbst Serena Williams zwei Mal schlucken muss.

Und sehr wahrscheinlich kreiselten seit dem bizarren Twerk-Festival von Po-Star Nicki Minaj in Frankfurt noch nie so viele bestens proportionierte Hintern durch eine Arena wie an diesem Sommerabend. Der entscheidende Unterschied: Nie gerät derlei offensive Inszenierung zum Selbstzweck oder zur Girlie-Klamotte. Wann und wie auch immer sie mit dem Publikum interagiert, dieser Auftritt hat Stil, Klasse und eine grandiose Natürlichkeit, um nicht zu sagen, Aura, die so erwachsen wie entwaffnend sexy daherkommt – „black empowerment“, das in seinem etwas anderen Feminismus die Geschlechterrollen mal eben umkehrt.

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Ob das Narrativ zur Tour - der lancierte Ehestress mit Rapper Jay Z - nun eine clevere PR-Masche ist oder nicht, die Haltung hinter dem Show-Zirkus ist klar und eindeutig, gerade auch politisch: gegen Rassismus und Chauvinismus. Auf dem Thron sitzt ohnehin nur eine, im Königs-Kobra-Umhang oder im roten Latex-Nichts. Und die kann nicht nur fantastisch tanzen, sie singt auch, dass es einem den Atem verschlägt: „Me, myself and I“ und „Love on Top“ a cappella, oder „1+1“ auf den Knien kauernd.

So geht großes Gefühlskino zwischen fast schon königlich paramilitärischen Championsleague-Choreografien und Headbangen mit blonder Löwenmähne. Im krachenden Finale, mit dem Destiny´s Child-Song „Survivor“ und einem fulminanten „End of Time“ sind dann auch noch die Wasserspiele eröffnet, der Jubel wird ohrenbetäubend. Frau Beyoncé dankt freundlich, stellt ihre Amazonen-Crew vor und verschwindet wieder in den Unterbau der „Queen Bey“-Arena, die mal den Namen einer Bank trug. Wir danken auch und knien beglückt nieder.

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