Alles andere als geläutert

Chris Brown verwandelt Festhalle in Großraum-Rap-Disko

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Gefangen in einer lärmenden Endlosschleife: US-Rapper Chris Brown

Frankfurt - Hat man ihn vermisst? Nicht wirklich. US-Superstar Chris Brown macht drei Jahre nach seiner letzten Rüpel-Audienz während der aktuellen „One Hell of a Nite-Europatour mal wieder in Frankfurt Halt - um durch einen sehr bunten Themenpark des R‘n‘B zu turnen. Von Peter H. Müller

Man musste im Vorfeld gleich mehrfach auf dieses neue Plattencover gucken: Chris Brown, seit seiner Schläger-Nummer gegen Ex-Freundin Rihanna eher als Brutalo „verrufen“, posiert da in selig-friedlichem Schwarzweiß mit einem nackten Kleinkind auf dem Arm. „Royalty“ heißt das süße Mädchen, es ist die gemeinsame Tochter mit seiner Ex Nia Guzman, und die Kleine gibt auch gleich noch dem Album seinen Namen. Dem Vernehmen nach hat der stolze Papa zwar erst vor Gericht das geteilte Sorgerecht erstritten, aber der „little angel sent from heaven“ soll bei ihm doch umgehend eine veritable Metamorphose zum Guten bewirkt haben, heißt es. Nun denn, lassen wir also die Kiff-Orgien im Privatjet, diverse Ausraster seiner Bodyguards und Einreiseverbote in Australien oder Neuseeland mal weg, und kümmern uns um „One Hell of a Nite“, wie es ein Trickfilm-Sprayer zum Auftakt schön plakativ auf eine LED-Mauer sprüht.

Da zeigt der Handy-Zeitmesser bereits 21.30 Uhr – denn „Breezy“, wie ihn die vorwiegend junge Anhängerschar nennt, hat gleich vier (!) Support-Acts der Marke „Hoody Baby“ & „Young L.O.“ im Schlepptau, die mit ihren DJ-HipHop-Mixturen den Saal anheizen sollen – und sich später noch einmal in voller Entourage auf der Rampe präsentieren werden. Bis dahin hat ihr Vorstandschef gemeinsam mit acht Tänzerinnen/Tänzern, Lichtgewitter, T-Shirt-Lupfern, ziemlich verwirrendem Bewegungsvokabular und Songs wie „Fine By Me“, „Zero“, dem großflächig zündelnden „New Flame“ oder „Back To Sleep“ die Gemeinde so enthusiasmiert, dass man sich als neutraler Beobachter ernsthaft um den Gesundheitszustand gerade der weiblichen Jugend sorgen muss.

Was die entzückende Royalty wohl mal dazu sagen wird, dass ihr Daddy in „Liquor“ die nette Textzeile „All I wanna do is drink and fuck“ zum Besten gibt, sei mal außen vor gelassen. Brown, inzwischen 27 und alles andere als geläutert, polarisiert und provoziert. Das gehört wie die oft nur angespielten Hits zu seinem Geschäft, in dem längst auch das Merchandise mit eigenen Mode-Labels boomt, als wäre der Mann mit den Ganzkörper-Tattoos ein neuer Messias.

Bilder: Chris Brown in der Festhalle Frankfurt

Musikalisch, und da sei als Referenz nur mal das neue Werk von Dauer-Konkurrent Drake hergenommen, hat sich Chris Brown eher in einer lärmenden Endlosschleife eingerichtet: Unmengen Synthesizer-Geballer, Computer-Geschrammel, stampfende David-Guetta-Beats und immer wieder ranzige Rave-Elemente – selbst seine so genannten Balladen wirken derart brachial zusammengeschustert, als habe man alles, was irgendwie gut, wahlweise zeitgeistig war/ist, mit Wonne verklebt. Michael-Jackson-Zitate, Tupac-Anleihen natürlich inklusive.

Vielleicht ist die Strategie, bei jeder neuen Scheibe möglichst viele Produzenten, Sidekicks und Gastparts werkeln zu lassen für die Live-Shows schlichtweg kontraproduktiv. Apropos live: Auch da muss man sich bei einem Brown-Gig erstmal neu konditionieren: keine Band, ohne Ende Autotune-Effekte, immer wieder Playback-Passagen: Was hier noch halbwegs echt, was Konserve ist - ganz schwer auszumachen in dieser Großraum-Rap-Disko, wo das verwackelte Smartphone-Filmchen längst wichtiger geworden ist als die tatsächliche Performance.

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