Cirque du Soleil mit „Amaluna“

Mutter aller Traumfabriken

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Vier Jahre nach der Weltpremiere ist die neue Show des Cirque du Soleil in Deutschland angekommen. Erneut entführen die Akteure ihr Publikum in ein farbenfrohes Reich der Phantasie.

Frankfurt - Magische Reise in eine faszinierende Welt der Phantasie: Der Cirque du Soleil zeigt auf dem Festplatz am Ratsweg bis 12. Juni seine neue Produktion „Amaluna“. Von Peter H. Müller 

In der Mutter aller Traumfabriken hat doch tatsächlich das Matriarchat Einzug gehalten. Selbst der Mond ist jetzt weiblich – und der ganz besondere „Zirkus“ endlich wieder in der Stadt. Willkommen im Cirque du Soleil, auf der so fernen wie verführerischen Märcheninsel „Amaluna“, wo schöne Amazonen und andere Göttinnen eine zauberhafte Fabelwelt kreieren. Nach vier Jahren umjubelter Tournee gibt es für die neue Show der kanadischen Phantasten auch am Frankfurter Ratsweg Premieren-Ovationen.

Natürlich wird am Ende alles gut. Das tut es immer, irgendwie. Die lieben Liebenden schließen sich also in die Arme, das beängstigend biegsame Königinnen-Kind Miranda lächelt entrückt an Romeos starker Seite und selbst die sonst unterm Zeltdach schwebenden Sturm-Göttinnen sind unversehrt auf festem Boden gelandet. Happyend, wohin man schaut. Man könnte sogar behaupten: Alle, inklusive des letzten Skeptikers im beseelten Auditorium, sind glücklich.

Einzig Cali, als Hermaphrodit ohnehin vom Schicksal nicht gerade übervorteilt, hat nach diesen zwei wunderbar kurzweiligen Stunden wenig zu feiern. Außer, dass er/es gut mit unglaublich vielen Bällen jonglieren kann. Ansonsten durfte das mysteriöse Zwitterwesen, halb Mensch, halb Echse, zwar wacker um die holde Prinzessin aus der XL-Wasserschale kämpfen – verliert die Angebetete aber schließlich doch an den erklecklich menschlicheren Rivalen. Der ist nicht nur ein echter Hingucker an der Vertikalstange – er heißt auch wohlweislich Romeo.

US-Regisseurin Diane Paulus hat der Show, die anno 2012 in Montreal uraufgeführt wurde, um kurz nach den Terroranschlägen in Paris einen eher schwierigen Europastart hinzulegen, eine Liebes-/Initiations-Geschichte angedichtet, die sich lose an Shakespeares „Sturm“ anlehnt. Dazu geht es in „Amaluna“ um gestrandete Seemänner, eine epische Liebe, diverse Film-Mythen zwischen „Game of Thrones“ und „Tribute von Panem“ – vor allem aber um eine Hommage an das vermeintlich schwache Geschlecht.

Fotos zu Cirque du Soleil in Frankfurt

Schon der Titel – eine Wortfusion aus „Alma“, sprich „Mutter“ und „Luna“/“Mond“ – legt nahe: Diese visuell wieder mal großartige Reise in die Phantasie ist auch eine Ode an starke Frauen – selbst die klasse Live-Band ist ausschließlich weiblich besetzt. Ein Novum in der Cirque-Historie, in der es ansonsten von bewährten Motiven und Elementen quasi wimmelt – und von unverzichtbaren Ingredienzen wie der Magie, die das scheinbar zeitlose Spektakel verströmt, dem besonderen Zauber, der einen wieder Kind sein lässt, der Wundertüte aus Überwältigung und Meditativem, verblüffender Akrobatik und exotischen Bildwelten.

Wollte man herumkritteln, ließe sich resümieren: Seit den ersten Performances anno 1984 steht der Cirque du Soleil mit seinen rund 30 verschiedenen Shows immer wieder für die Neuinterpretation einer bewährten Formel – aber eben auf kreative Weise. Und er bleibt ein Garant für circensische Höhepunkte, die dem Publikum in schöner Regel Mut zur Phantasie, zum Träumen abfordern.

Clowns, Körperkünstler, Trapez-/Band-Akrobaten, extravagante Kostüme, mystische Kulissen, brillantes Licht-Design oder Lara Jacobs Rigolo als Hohepriesterin der Balance, die ein XL-Mobile im vollkommenen Gleichgewicht zum Schweben bringt – bis das fragile „Kartenhaus“ durch eine minimale Berührung einstürzt: Acht Minuten gefühlte Poesie im Rhythmus des Atems. Übrigens auch für überzeugte Machos der Ausgeh-Tipp, um die sinnliche (Selbst-)Erfahrung neu zu proben.

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