Unter der Knethaut

Filmmuseum blickt hinter die Kulissen der Aardman-Studios

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Am Set von „Shaun das Schaf“: Merlin Crossingham, Kreativdirektor für Wallace & Gromit bei den Aardman-Studios führte durch die Sonderausstellung im Deutschen Filmmuseum.

Frankfurt - Es hatte als eine Art Hinterhofprojekt begonnen – heute ist die Produktionsfirma von „Shaun das Schaf“ oder „Wallace & Gromit“ 40 Jahre und vier Oscars weiter. Von Lisa Berins

Frankfurt -  Es hatte als eine Art Hinterhofprojekt begonnen – heute ist die Produktionsfirma von „Shaun das Schaf“ oder „Wallace & Gromit“ 40 Jahre und vier Oscars weiter. Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt blickt in der Ausstellung „Die Kunst von Aardman“ hinter die Kulissen. „Es ist mehr als ein Making of. Es ist ein Blick unter die Haut“, sagt Merlin Crossingham. Der Kreativdirektor für Wallace & Gromit fummelt an einem braunen Knetmännchen herum, während er zur versammelten Pressemannschaft spricht. Hinter ihm zieht sich ein grafisch aufbereiteter Zeitstrahl über eine Ausstellungswand: Der famose Aufstieg der Aardman Animations, festgehalten in Jahreszahlen, Skizzen, einem abgegriffenen Oscar, der neben der Jahreszahl 1989 in einer Glasvitrine ausgestellt ist. „Den hat in der Kantine schon jeder Mitarbeiter in der Hand gehabt, um sich mit ihm zu fotografieren“, sagt Crossingham. der im karierten Hemd und Jeans durch die Ausstellung führt – vorbei an schnell gezeichneten Entwürfen, Storyboards und Modellen.

Vor mehr als 20 Jahren hat Crossingham bei Aardman angefangen, als Frischling von der Fernsehakademie. Das professionelle Kneten hat er dann, wie jeder neue Mitarbeiter, an diesem braunen und etwas plump aussehenden Männchen in seinen Fingern geübt: Morph – dem ältesten Charakter aus dem Hause Aardman.

1976 hatten die Gründer der Firma, Peter Lord und David Sproxton, in Bristol ihre ersten Geschäftsräume gemietet und die Figur für eine Kinderfernsehserie entwickelt: ein Wesen, das jede denkbare Gestalt annehmen kann. Mit seiner schlichten Darstellung haben die heutigen Figuren – wie der Erfinder und Käseliebhaber Wallace, dessen belesener Hund Gromit, Shaun das Schaf oder die gemüsebesessene Gräfin Tottington – mit ihrer Mimik, ihren Accessoires, ihren detailreichen Lebenswelten nicht viel gemein. Der Kreativdirektor hält vor einem Set aus „Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“ (2005) an: Der pfiffige Köter Gromit steht in einem Gewächshaus und hat gerade ein Maßband gezückt, um eine Riesenzucchini auszumessen. „Es gab zum Beispiel Modellierer, die nur für das Formen von Kohlköpfen zuständig waren.“

Um zu zeigen, wie die Firma arbeitet, haben die Ausstellungsmacher einen typischen Arbeitstisch eines Modellierers ausgestellt. Halbfertige schwarze Schafsköpfe sind da zur Bearbeitung aufgespießt, Knetmasse, Pinsel, Werkzeuge liegen auf dem Tisch. „Das Chaos ist genauso typisch wie das ständige Teetrinken, was durch gleich zwei leere Teetassen auf dem Tisch repräsentiert wird“, scherzt Crossingham.

Tatsächlich gibt es in den Studios eine gut strukturierte Aufgabenteilung: Einige Mitarbeiter spezialisieren sich auf die Darstellung von Natur, andere auf Architektur, wieder andere konstruieren die Maschinen und Erfindungen. Wie etwa den kleinen gelben Gabelstapler, an dessen Gabeln Backofenhandschuhe befestigt sind. Im Film „Auf Leben und Brot“ (2008) holt Gromit damit in einer Bäckerei Brot aus dem heißen Ofen. „Die einzige Möglichkeit, es im Film so aussehen zu lassen, als würde eine Maschine tatsächlich funktionieren, ist, dass sie in Wirklichkeit funktionieren muss“, verrät der Kreativdirektor. Die Maschine wäre also – bei passender Körpergröße – tatsächlich fahrbar.

Die Bewegung wird in den Filmen im Stop-Motion-Verfahren hergestellt. Heißt: Aufnahme, Kneten, Aufnahme, Figur bewegen, Aufnahme. Eine unvorstellbar mühsame Arbeit: „In den Aardman-Studios gibt es den berühmten Spruch: Wenn uns vier Sekunden an einem Tag gelingen, dann ist das ein sehr erfolgreicher Arbeitstag, sagt Museumsdirektorin Claudia Dillmann. Vier Sekunden! Das ist gerade einmal ein Augendrehen Gromits. Kaum zu glauben, dass sich eine solch aufwendige Produktion lohnt.

Doch die Kneterei kann sich auf dem Markt behaupten: „Womöglich ist das das Geheimnis des anhaltenden Erfolgs: der Witz, der Charme, die großen Gefühle, der Detailreichtum der Umgebung. Wir genießen die Ästhetik des analogen Schaffens“, sagt Dillmann.

Spätestens mit dieser ersten Museumsschau in Deutschland über die Aardman Animations, die vor Frankfurt im „Art Ludique – Le Musée“ in Paris zu sehen war, können sich die Produzenten wohl „Filmkünstler“ nennen. Ein Geheimnis lüftet die Ausstellung übrigens auch, nämlich, was tatsächlich unter der weichen Knethaut steckt: ein metallenes Gerüst, das die Masse großer Figuren vorm Zusammensinken bewahrt. Nebenbei bleiben die Modelle so auch für die nächsten Ausstellung in Form.

„Die Kunst von Aardman – Wallace & Gromit, Shaun das Schaf & Co“, bis 30. Oktober im Deutschen Filmmuseum Frankfurt, Eröffnung am morgigen Sonntag, 14 Uhr. Öffnungszeiten: Di 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr, Do-So 10-18 Uhr

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