Verkehrsinfrastruktur im Rhein-Main-Gebiet

Engpässe bei Straßen in Region

Offenbach - Mobilität ist die Grundlage des Lebens und Wirtschaftens. Von Marc Kuhn

Im Interview sprechen Professor Jürgen Follmann von der Hochschule Darmstadt, der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach, Markus Weinbrenner, und Hans-Georg Maas, Chef der Offenbacher Spedition Edi-Trans, über die Verkehrsinfrastruktur in Stadt und Kreis Offenbach sowie der Region.

Zunächst zur Straße: Wo liegen Stärken und Schwächen der Verkehrsinfrastruktur in Stadt und Kreis Offenbach?

Follmann: Stadt und Kreis sind sehr gut erschlossen. Deutschlandweit besitzt der Kreis sicher eine der besten Verkehrsinfrastrukturen - auch in der Konkurrenz im Rhein-Main-Gebiet. Neben der ausgezeichneten Straßeninfrastruktur besitzt jede Kommune, zum Teil sogar jeder Stadtteil, eine Anbindung an das S- beziehungsweise Regionalbahnnetz. Wir haben aber Engpässe. Im angrenzenden Autobahnnetz sind diese beispielsweise das Offenbacher Kreuz und die Anschlussstelle Hanau. Für die S-Bahn ist der Tunnel in Frankfurt ein deutlicher Engpass. In kurzen Zeitabständen passieren diesen Tunnel nahezu alle S-Bahnen. Sobald eine Störung vorhanden ist, hat diese schnell Auswirkungen auf das gesamte Netz. Deshalb gibt es oft Verspätungen. Die Engpässe im Autobahnnetz führen zu Umfahrungsverkehren durch die angrenzenden Kommunen. Auch die immer wieder auftretenden Störungen im S-Bahn-Verkehr bringen Pendler dazu, lieber ihren Pkw nutzen, obwohl sie es nicht müssten.

Warum werden die Öffentlichen nicht mehr genutzt?

Follmann: Die Verlässlichkeit des öffentlichen Verkehrs wird sicher kritischer bewertet als Störungen im Straßennetz. Man hat meist ja keine Alternative, seine Fahrt fortzusetzen. Ich habe selbst schon öfters im Rodgau Fahrgäste fluchend den Bahnsteig verlassen sehen, weil die S-Bahnen nicht kamen und die Fahrgäste absolut unzureichend informiert werden. Ein weiteres Beispiel ist die Verbindung mit der S-Bahn nach Dietzenbach. Es kann passieren, dass die S-Bahn in Dietzenbach-Steinberg endet und wendet.

Was beinhaltet das Leitbild Mobilität?

Follmann: Es umfasst das ganze Spektrum der Mobilität im Kreis Offenbach und seiner Einbindung in die Region. In der Vergangenheit stand der Kfz-Verkehr sehr im Fokus. Spürbar ist aber, dass die Stadtkerne keine weitere Zunahme mehr vertragen, wenn sie auch lebenswert bleiben sollen. Eine Studie zum Mobilitätsverhalten in unserer Region zeigt, dass jede zehnte Fahrt mit dem Pkw kürzer als ein Kilometer und jede dritte Fahrt kürzer als drei Kilometer ist. Eigentlich geht man hier besser zu Fuß oder nutzt das Fahrrad.

Was schlagen Sie vor?

Follmann: Der öffentliche Schienenverkehr ist bereits so stark ausgelastet, dass Ergänzungen für die weiter steigende Fahrgastanzahl aber auch für Alternativen im Störungsfall notwendig werden. Im Leitbild schlagen wir beispielsweise die Weiterführung einer der beiden S-Bahnlinien S1 oder S2 von Offenbach Ost über Offenbach Hauptbahnhof bis Frankfurt Süd und weiter vor. Die Umleitung während der Tunnelsperrung in Frankfurt zeigte, dass dies grundsätzlich möglich ist. Um sichere Betriebsabläufe mit gewohnten Takten zu erreichen, wird eine Ergänzung der Schieneninfrastruktur notwendig. Bei den Linienbussen im Kreis ist noch viel Luft nach oben. Mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplans 2016 wurden hier neue Zeichen gesetzt. Bislang wurde er nicht als echte Alternative wahrgenommen, hier muss jetzt Überzeugungsarbeit geleistet werden. Auch der geplante Schnellbusring des RMV um Frankfurt herum kann eine Alternative werden, wenn es denn wirklich bevorrechtigte Schnellbusse werden. Weinbrenner: Das sind sicherlich sehr gute Ansätze. Die Mobilität in der Region entspricht nicht den Bedürfnissen der Menschen und der Wirtschaft. Viele Pendler stehen im Stau und haben Verspätungen mit der S-Bahn. Es gibt bei der S-Bahn leider auch ein sehr hohes Preisniveau. Deshalb gibt es keinen Anreiz, um vom Auto auf den ÖPNV umzusteigen. Es fehlt auch eine bessere Verzahnung der Tarifverbünde, die an den RMV angrenzen. Es fehlt zudem eine App, mit der man das ganze Mobilitätsangebot abrufen kann. Maas: Meine Mitarbeiter, viele kommen aus Aschaffenburg, sagen, dass die Verkehrsverbindungen nicht gut sind. Die A3 ist oft dicht. Und nachmittags gibt es nicht genug S-Bahn-Verbindungen.

Mit welchen Problemen kämpft ein Spediteur in Stadt und Kreis?

Maas: Mit sehr vielen. Durchfahrtsverbote, angedacht wegen der Stickoxydbelastung, sind ein Riesenproblem. Ein Beispiel: Wenn ein Lastwagen über die A3 kommt und nach Mühlheim will, aber nicht mehr durch Offenbach fahren dürfte, dann müsste er weiter über die Autobahn fahren und über Obertshausen reinkommen. Das sind dann 36 Kilometer Umweg. Der Dieselverbrauch ist höher, die Umwelt wird belastet. Wir müssen Maut zahlen. Das wäre ein echtes Problem.

Wo ist es für Spediteure eng auf den Straße?

Maas: Die A3 ist dauerhaft dicht. Wenn man aus Gießen kommt, ist die A5 dicht. Wir sind aber an Fahrzeiten gebunden. Wenn die Lkw im Stau stehen, haben wir keine Fahrzeiten mehr und können nicht rechtzeitig liefern. Und wir haben Schwierigkeiten mit den schlechten Straßen. Die Belastung geht aufs Fahrwerk, auf die Ladung. Follmann: Das Problem auf den Autobahnen ist die Überlagerung von überregionalem und regionalem Kfz-Verkehr. In den Ferien ist die Stauanfälligkeit deutlich geringer. Hier benötigen wir vor allem einen Ausbau der Knotenpunkte. Wir brauchen ebenso Entlastungen durch den weiteren Ausbau der Netze im Öffentlichen Verkehr und regionalen Radverkehr. Auf einem guten Weg sind hier die Regionaltangente West, die Dreieich und Neu-Isenburg mit dem Flughafen und Bad Homburg verbinden wird und die nordmainische S-Bahn. Im Leitbild Mobilität schlagen wir ebenso eine Verlängerung der S1 bis Dieburg vor, um den Pendlerverkehr aus Darmstadt-Dieburg stärker zu verlagern. Auch die Verlängerung der Straßenbahn von Frankfurt bis ins Stadtzentrum Neu-Isenburg und weiter bis Dreieich-Sprendlingen wäre eine sehr wirksame Verbesserung.

Eine Lösung?

Weinbrenner: Der Güterverkehr soll bis 2030 um 38 Prozent steigen, der Personenverkehr um 13 Prozent. Ich glaube nicht, dass es reicht, den Schienenverkehr auszubauen. Deshalb ist die IHK dafür, dass auch die A3 ausgebaut wird. Der Abschnitt zwischen dem Offenbacher Kreuz und der Anschlussstelle Hanau ist eine der meistbefahrenen Strecken in Deutschland. Deswegen ist die niedrige Positionierung im Entwurf des Bundesverkehrswegeplans nicht nachzuvollziehen. Follmann: In meinen Augen sind die Schwerpunkte im Bundesverkehrswegeplan richtig gesetzt. Die Mittel sollen zielgerichtet für die Erhaltung und die Weiterentwicklung einer nachhaltigen leistungsfähigen Infrastruktur eingesetzt werden. Im vordringlichen Bedarf sind alle Projekte, die bis 2030 realisiert werden können. Wenn die Autobahn erweitert werden soll, werden zusätzliche Flächen benötigt. Es wird Konflikte mit Umweltaspekten und angrenzenden Siedlungsflächen geben. Diese werden in den nächsten 15 Jahren nicht lösbar sein.

Wie sieht es bei der Schiene aus?

Follmann: Im Bundesverkehrswegeplan ist der Ausbau des Netzknotens Frankfurt im vordringlichen Bedarf. Auch die ICE-Verbindung von Fulda nach Mannheim über Frankfurt gehört hierzu. Diese vordringlichen Maßnahmen für die Region bringen ebenso deutliche Verbesserungen für den regionalen Schienenverkehr mit sich.

Herr Maas, wo stehen Ihre Lkw denn in der Stadt?

Maas: Ein Problem ist der Tannenmühlkreisel an der B448. Und wenn wir auf die Autobahn wollen, haben wir den Durchgangsverkehr in Offenbach. Schwierigkeiten gibt es auch, wenn man vom Bieberer Berg runterkommt. Dort gibt es permanente Staus. Und wenn wir in Frankfurt was ausliefern wollen, hört es ganz auf. Dass sich beim Riederwaldtunnel nichts bewegt, verstehe ich nicht. Die Politik hat richtig geschlafen. Und: Es heißt immer, wir haben nicht genügend Ingenieure. Follmann: Das ist wirklich ein Problem. In der Vergangenheit wurde die Bauverwaltung auch in Hessen zu stark abgebaut. Dies wird jetzt bei den umfangreichen Aufgaben in der Erhaltung unserer Verkehrsinfrastruktur sehr deutlich. Gleichzeitig studieren nicht genug junge Menschen das Bauingenieurwesen, um die aktuelle Nachfrage und die der nächsten Jahre zu erfüllen. Das Ansehen des Berufs wird durch Bauprojekte wie den Flughafen Berlin-Brandenburg auch nicht unbedingt positiv beeinflusst, obwohl ganz andere Akteure für diesen Zustand verantwortlich sind. Unsere Hochschule bildet derzeit rund 14 500 Bauingenieure aus. Wir sind damit in Deutschland einer der größten Fachbereiche. Keiner unserer Absolventen verlässt die Hochschule ohne eine Arbeitsstelle. Auch angrenzende Bundesländer, Verwaltungen und die Wirtschaft haben einen hohen Bedarf an Bauingenieuren. Die Hessische Verwaltung wird Zeichen setzen müssen, um sich für die Absolventen interessant zu machen.

Herr Follmann, Sie arbeiten auch an einem Radwegekonzept für den Kreis.

Follmann: Es geht um die alltagstauglichen Radverkehrsverbindungen. Als Leuchtturmprojekt für den Kreis sei hier die Radschnellverbindung von Darmstadt nach Frankfurt genannt. Hier hat der Regionalverband Frankfurt-Rhein-Main die Federführung. Es werden sichere und direkte Verbindungen benötigt, auf denen mit konstanter Radverkehrs-Geschwindigkeit gefahren werden kann und die ein Queren von Straßen mit geringen Wartezeiten ermöglichen. Auch soll ein leichtes Überholen für Fahrräder möglich sein, gerade wenn wir auch an die stark aufkommenden Fahrräder mit Elektromotor denken. Wenn diese Verbindung über Erzhausen, Egelsbach, Dreieich, Langen und Neu-Isenburg geschlossen realisiert wird, rechnen wir mit 3 000 bis 4 000 Radfahrern pro Tag auf der Strecke. Ähnliches wollen wir in der Kreisquerachse von Ost nach West erreichen. Übrigens liegt der Spitzenwert an der Fahrradzählstelle am Offenbacher Hafen bei rund 5 000 Radlern am Tag.

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