Glücksfall und Kunst-Krimi

Ensemble des Altenberger Altars im Frankfurter Städel vereint

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Fotomontage der Altenberger Flügelretabel mit dem Schreinkasten und der Madonna mit Kind im Zentrum -

Frankfurt - Das Frankfurter Städel Museum zeigt in einer neuen Ausstellung eine der eindrucksvollsten Kirchenausstattungen des Mittelalters, die noch erhalten ist. Leihgaben aus aller Welt ermöglichten die Zusammenführung des Altenberger Altars. Und ein Geheimnis wird dabei auch gelüftet. Von Carsten Müller 

Gewalt, Pest, Feudalismus und Not prägten den Alltag der Menschen im Spätmittelalter, die allenfalls ein Dach aus Stroh über dem Kopf hatten. Sie lebten in einer Welt des Elends und der Dunkelheit, aber vor allem in einer Welt ohne Bilder. Aus heutiger Sicht ist daher kaum vorstellbar, wie überwältigend der Anblick des prachtvollen Altenberger Altars auf die Menschen des 14. Jahrhunderts gewirkt haben muss. Das Prämonstratenserklosters nahe Wetzlar an der Lahn wurde allerdings nicht wegen seines Altars zur Pilgerstätte, sondern wegen einer berühmten Frau: Gertrud von Thüringen, jüngste Tochter der heiligen Elisabeth von Thüringen und somit für sich genommen eine „Kontaktreliquie“. Gertrud war mit 21 Jahren Leiterin des Klosters, kam als Mitglied des europäischen Hochadels und Verwandte der Landgrafen von Hessen-Thüringen gleichfalls politischen Pflichten nach.

1925 hat das Frankfurter Städelmuseum die bemalten Seitenflügel des Altenberger Altars erworben, als herausragende Werke der frühen Tafelmalerei. An den Erhalt des Gesamtensembles aus Schreinkasten, Muttergottesfigur, Flügelbildern mit Passions- und Mariendarstellungen, den dazugehörigen Reliquien, Tüchern und Wandbildern verschwendete niemand einen Gedanken, wie Kurator Jochen Sander erläuterte. Die Einzelteile wurden bis nach New York und St. Petersburg verstreut und dort zu Kernstücken der Sammlungen. Dass die 37 Objekte jetzt erstmals seit der Säkularisierung im 19. Jahrhundert wieder vereint sind, bezeichnete Sander als „Wunder“ und „Glücksfall“.

In einem Seitenflügel des Städel kommt nun zusammen, was einst in der Klosterkirche zusammengehörte – detailliert gestickte Altardecken, fein ziselierte Schmiedearbeiten wie Vortragekreuze oder die Armreliquie der heiligen Elisabeth, edle Schnitzereien am Schrein sowie farbenprächtige Malereien auf Seitentafeln des Altars und Glasmalereien der Kirchenfenster. Im Zentrum die Madonna mit Kind eines Kölner Meisters (um 1320/30), Hauptpatronin des Klosters, die beseelt in die Ferne blickt, während das mit herrschaftlicher Geste auf ihrem Schoß stehende Kind kaum mehr der stützenden Hand bedarf.

Die funktionalen und inhaltlichen Bezüge der Installation entfalten sich auch in digitaler 3D-Darstellung auf dem Großbildschirm in einem Seitenkabinett. Im simulierten Wechsel der Altarbestandteile ergeben sich Konstellationen, wie sie auch den Vorgaben des Kirchenjahres folgten. Davon kündet das Pflichtenheft der Küsterin Magistra Dorothea von Düdelsheim, aufgezeichnet von Klostervorsteher Petrus Diederichs, in dem bis hin zur Farbe der Kerzen und der Verwendung von Reliquien festgelegt worden ist, welche Inszenierungen des Altars für die jeweiligen kirchlichen Feiertage gemäß der Liturgie vorgesehen waren.

Archivbilder

Claude Monet im Städel

Die Schau kann aber noch aus anderer Sicht Einzigartigkeit behaupten. Bei der Restaurierung des aus Braunfels stammenden Schreinkastens wurden mittels Röntgenfluoreszenzanalyse Motive unter den barocken Übermalungen der Rückwand und der Seitenflügel entdeckt. Diese frühen Zeugnisse der figürlichen Malerei des 13. Jahrhunderts waren Anlass für ein Kolloquium und Fachgespräche, die nun in einem Forschungsprojekt des Städel mit dem kunsthistorischen Institut der Frankfurter Goethe-Universität vertieft werden sollen. Ein exotisches Thema, wie Jochen Sander unumwunden zugibt. Spannend ist es dennoch.

„Schaufenster des Himmels“ bis 25. September im Städel Museum, Frankfurt, Schaumainkai 83. Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 21 Uhr

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