Erweiterung: Raus aus dem Elfenbeinturm

Neue Einblicke ins Senckenbergmuseum

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Der Leiter des Senckenberg-Museums, Bernd Herkner, vor Dinosaurier-Skeletten.

Frankfurt - Seit fast 200 Jahren erkunden Senckenberg-Naturforscher von Frankfurt aus die Welt. Aus nah und fern brachten sie ihre Funde mit in die Mainmetropole. So wuchs die Sammlung im Senckenberg Forschungsinstitut auf mehr als 38 Millionen Objekte. Mit der Erweiterung startet das Naturmuseum auch inhaltlich in eine neue Ära. Von Nicole Unruh 

Spinnenforscher Peter Jäger präsentiert eine konservierte Spinne.

Um die Schätze angemessen zu präsentieren, wird die Ausstellungsfläche des Naturmuseums von 6000 auf 10.000 Quadratmeter vergrößert. Vor allem ist es aber das inhaltliche Konzept, das das „Neue Senckenbergmuseum“ weltweit einmalig macht: Anstelle der jetzigen Aufteilung vor allem nach Organismengruppen wie Insekten, Säugetieren oder Fischen wird es künftig vier große Bereiche geben: Kosmos, Erde, Mensch und Zukunft. „Auf Basis dieses einzigartigen Konzepts entsteht hier eines der spannendsten Museen Deutschlands“, betont Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann. Während Naturmuseen häufig als etwas angestaubt und buchstäblich unbeweglich gelten, werde bei Senckenberg nun die alltägliche Forschung transparent gemacht. „Alles, was unsere Wissenschaftler unternehmen, von der Ausgrabung bis zum Tiefsee-Tauchgang, wird für die Besucher nachvollziehbar“, erklärt Museumsleiter Bernd Herkner. Seine Abteilung beschäftige nur etwa zehn Prozent der Senckenberg-Mitarbeiter. Der Rest arbeitet in der Forschung, darunter allein jeweils 200 Wissenschaftler und Doktoranden.

Wo auf dieser Welt die Senckenberg-Forscher gerade aktiv sind, wird im Neuen Museum ein Globus mit sechs Metern Durchmesser verdeutlichen. „Auf diesem Erdball, einem zentralen Element im neuen Lichthof, stellen wir die aktuellen Expeditionen dar“, erläutert Herkner. Eine davon hat der renommierte Spinnenforscher Peter Jäger angetreten: Der Experte hält sich für drei Wochen in Laos auf, um bisher unbekannten Achtbeinern auf die Spur zu kommen. Mehr als 300 Spinnenarten hat Jäger schon wissenschaftlich beschrieben – „entdeckt“ klingt für ihn zu sehr nach Kolonialzeit. In diesem Sommer werden weitere folgen, wenn Jäger mit einem Käfersieb zum zwölften Mal durch die Dschungel und Höhlen des südostasiatischen Landes zieht und alles einsammelt, was ihm interessant erscheint, um es später am Arbeitsplatz mit dem Mikroskop zu analysieren. Die Arachnologie hat im Forschungsinstitut Senckenberg eine lange Tradition: Seit 1833 wurde hier eine der größten Sammlungen weltweit zusammengetragen. „Wir haben 20 Prozent der bisher beschriebenen 46 000 Spinnenarten, darauf sind wir stolz“, sagt Jäger.

Spinnen und Skorpione im Senckenberg-Museum

Um die Wissenschaft „raus aus dem Elfenbeinturm“ zu holen – und um die Menschen über Spinnen staunen zu lassen und ihnen die Angst zu nehmen – hat der Arachnologe nun zum zweiten Mal eine Sonderausstellung zum Thema entwickelt. Die Schau zeigt noch bis Januar rund 40 lebende Spinnen, eine Installation verdeutlicht die Kunstfertigkeit ihrer Netze, und Makroaufnahmen setzen eindrucksvolle Details der Tiere in Szene. An einer Sommerferien-Station können Kinder die Spinnen unter die Lupe nehmen und sich dabei wie die großen Forscher fühlen. Solche Sonderausstellungen galten bis dato als Mittel der Wahl, um neue Erkenntnisse der Naturforscher im Museum zu vermitteln. „Jetzt möchten wir auch in der Dauerausstellung ganz aktuell sein“, betont Herkner. Mit der Erweiterung werden beispielsweise – auch in der Spinnenabteilung – neue Flatscreens aufgebaut, die den neuesten Stand der Dinge ins Bild setzen. „Diese Schaufenster zur Forschung ziehen sich wie ein roter Faden durch die neue Ausstellung“, so der Museumsleiter. Geräte zur Meeresforschung, etwa ein Tauchboot, werden ebenso an der Senckenberganlage einziehen wie eine interaktive Grabungsstelle. Angelehnt an die Sonderschau „Safari zum Urmenschen“, verdeutlicht sie mit Hilfe von Touchscreens die Arbeit der Paläoanthropologen in Afrika.

Auch ganz in der Nähe gibt es Hochspannendes zu entdecken: An der Grube Messel, einem Unesco-Weltnaturerbe, erforscht ein Senckenberg-Team die Fossilien aus dem Eozän. „Messel bietet uns nicht nur einen unvergleichbaren Einblick in die Vergangenheit“, erläutert der Paläontologe Krister Smith. „Unsere Forschung ermöglicht auch Rückschlüsse auf die Gegenwart.“ Das neue Konzept bringt nun auch frischen Wind in die etwas angestaubte Messel-Abteilung des Naturmuseums. Sobald das WLAN steht, wird – voraussichtlich noch in diesem Jahr – die Grabungsstelle vor Ort zu sehen sein. „So können Besucher in Frankfurt nahezu live miterleben, wenn neue Funde ans Tageslicht kommen“, sagt der Paläontologe. Über den Flatscreen werden auch Gespräche mit dem Ausgrabungsteam in Messel ermöglicht.

Aufschlussreiche Zusammentreffen mit den Senckenberg-Experten sind schon jetzt möglich: Bei der Reihe „Science After Work“ können Besucher mit Forschern ein Schweineherz präparieren oder DNA-Spuren der Wildkatze analysieren. Vorträge erhellen die tägliche Arbeit ebenso wie Blogs auf der Homepage des Frankfurter Forschungsinstituts. Im ARCA-Blog berichten derzeit Wissenschaftler von ihrer Expedition in den hohen Norden. Sie schildern, wie sie Proben des Meeresbodens bei Spitzbergen entnehmen, welche Experimente sie in punkto Klimawandel mit Rotalgen veranstalten und was es an Bord der Maria S. Merian zu essen gibt – nämlich fangfrischen Kabeljau. Dieser „Duft der großen weiten Welt“ wird auch das Neue Museum prägen, davon ist Herkner überzeugt. Er kann sich auch vorstellen, dass das Forschungsschiff MS Senckenberg, das bald ausgemustert wird, eines Tages in Frankfurt auf der Grünfläche steht und direkt erlebbar wird. Das Vorurteil, verstaubt zu sein, treffe auf Senckenberg schon lange nicht mehr zu: „Unsere Pläne und Programme haben richtig Tempo.“ Wenn die neue Präsentation der fünftgrößten naturhistorischen Sammlung der Welt fertig ist, möchte Senckenberg bis zu 500.000 Besucher im Jahr anlocken. pia

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