Europa mit anderen Augen

Filmemacher begleitete Buschmänner auf Weg an den Main

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Beeindruckende Begegnung: Catenia Lermer und Simon Stadler reisten mit den Ju/’Hoansi aus der Kalahari-Wüste in die Großstadt Frankfurt.

Frankfurt - Einen Perspektivwechsel der besonderen Art hat der Frankfurter Filmemacher Simon Stadler für seine Produktion „Ghostland“ vollzogen. Er reiste mit Buschmännern nach Europa und dokumentierte deren Sicht auf unseren Alltag. Von Detlef Kinsler 

Als sie das erste Mal Weiße sahen, dachten sie, es seien Geister und traten verängstigt die Flucht an. Inzwischen haben die Ju/’Hoansi ihren Frieden mit den Fremden geschlossen. Ohne die Touristenbusse, die zu ihnen in die Kalahari kommen, könnten die Buschmänner nicht überleben. Denn die klassische Jagd wurde ihnen von der Regierung vor langer Zeit verboten. Also singen und tanzen sie, um ihre Familien zu ernähren. „Living Museum“ nennt sich der Ort nahe Windhoek, initiiert von der Living Culture Foundation und größtenteils selbst verwaltet von den Ju/’Hoansi. Eines Tages formulierten sie den Wunsch, den Spieß einfach mal umzudrehen, die Besucher zu besuchen, um zu sehen, wie die so leben. Zuerst wurde eine Rundreise zuhause in Namibia organisiert, zudem ein Europatrip angedacht. Das war der Moment, als der Frankfurter Autor und Regisseur Simon Stadler ins Spiel kam.

Eine ehemalige Kommilitonin hatte den studierten Ethnologen auf den Stamm aufmerksam gemacht. Doch eine weitere Dokumentation über ein Naturvolk zu machen, kam für Stadler nicht in Frage. Das Experiment dagegen, auf das sich die Ju/’Hoansi einlassen wollten, gab der Geschichte den entscheidenden Dreh. „Sie sollten zu Forschern werden, die unsere Welt aus ihrem Blickwinkel beurteilen und uns einen Spiegel vorhalten“, erzählt Stadler. Unterstützt wurde er von Catenia Lermer (Ton und Musik) und Sven Methling (Aufnahmeleiter).

Zunächst lernten sie die Ju/’Hoansi in ihrem Dorf kennen. „Ich habe schon bei vielen Indianerstämmen in Südamerika gelebt, aber die Warmherzigkeit und Gastfreundschaft war eine ganz besondere“, schwärmt Stadler. Dazu kam ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl, eine Gesellschaft ohne Hierarchien und persönlichen Besitz. Das begeisterte die Filmemacher.

„Wenn es für mich den wahren Homo sapiens gibt, der gerettet werden muss, dann sind es diese Buschmänner.“ Catenia Lermer beschreibt ihren ersten Eindruck ebenso bewegt: „Es sind sehr feine, sensible und zurückhaltende Menschen, die nie etwas Schlechtes über andere sagen würden.“

Schon die größere Reisegruppe, die in Namibia unterwegs war, fühlte sich fremd im eigenen Land, kommentierte die Begegnung mit anderen Volksgruppen mit den Worten „Sie sind nett, aber so anders“ und ließen sich im Supermarkt zu der Aussage hinreißen: „Unser Essen im Busch ist besser.“

Das Vierergrüppchen, das sich ein halbes Jahr später auf den Weg nach Europa machte, stand schließlich in Frankfurt auf der Aussichtsplattform des Main Tower und fand kaum Worte. Amüsiert, verängstigt und sprachlos oder alles zugleich schauten sie sich dieses vermeintliche Paradies an, um schon nach kurzer Zeit festzustellen: „Hier würden wir nie unseren Platz finden. Zu viel Lärm, immer und überall. Das ist nicht gut“, so die einhellige Meinung.

Eindrucksvolle Bilder der Frankfurter Skyline

„Manchmal sind gar nicht die Worte, sondern schlichte Gesten entscheidend“, erklärt Lermer. Was die Ju/’Hoansi vor allem irritierte: Die Menschen kennen einander gar nicht. Alle sind Fremde. Und alle scheinen rund um die Uhr zu arbeiten, wollen heute dies, morgen jenes, und finden überhaupt nicht zur Ruhe. Sie fragten sich: Was ist das für ein Leben?

Die Doku, die eine Art Roadmovie ist, entfaltet ihre besondere Wirkung auch deshalb, weil sich das Filmteam total zurückgenommen hat, ohne Script drehte und die Story allein über Bilder, Atmosphären und O-Töne der Protagonisten erzählt wird.

Bis dato lief „Ghostland“ auf Festivals in Thessaloniki, Brüssel, Minneapolis und Austin, Texas, wo der Streifen auf dem South-by-Southwest-Festival den Publikumspreis gewann. Von überall erreichten Stadler und Lermer E-Mails von begeisterten Zuschauern, die schrieben, dass die Ju/’Hoansi ihnen die Augen geöffnet hätten und dass sie noch nie zuvor so an ihrer Welt gezweifelt haben. „Wir sitzen vorm Computer, und es kommen uns beinah die Tränen, dass wir das erreicht haben mit dem Film – ganz ohne erhobenen Zeigefinger“, freut sich Stadler.

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