Tagung in Frankfurt

Vom Flüchtling zur Fachkraft

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Sprache ist der Schlüssel zur Integration, aber auch eine Grundbildung ist unverzichtbar, um auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. In der Frankfurter IG-Metall-Zentrale werden Flüchtlinge wie Raza Muhammad (29) aus Pakistan unterrichtet.

Frankfurt - Was empfinden Flüchtlinge als besonders schwierig in Deutschland? „Das Warten“, gibt Kerstin Gerbig eine häufige Antwort wieder. Von Ira Schaible

Worauf? Auf die Abgabe des Asylantrags, einen Deutschkurs, einen sicheren Aufenthaltsstatus, eine Unterkunft und einen Job – nennen Fachleute bei der Tagung zum Thema „Ausbildung für Geflüchtete – Chancen und Herausforderungen für Hessen“ als Beispiele. Gerbig, Vorsitzende des Veranstalters, der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit in Hessen (LAG), mahnt: „Volkswirtschaftlich gesehen ist Abwarten die kostenintensivere Option. “ Aus Geflüchteten müssten rasch Fachkräfte werden. Das Duale Bildungssystem verfüge über die Voraussetzungen dafür. Wo liegen die Hindernisse?.

Gerbigs Stellvertreter Conrad Skerutsch nennt gleich mehrere: „Wir haben sehr, sehr viele hochbürokratische Regeln.“ So müssten Schutzsuchende sogar einen Antrag bei der Ausländerbehörde stellen, um ein Praktikum machen zu können. Bis zu einer Entscheidung vergingen wegen Überlastung der Behörden oft Monate. Der Zugang zu den Deutsch-Kursen sei zu langwierig. Dies gelte insbesondere für Flüchtlinge, die nicht aus Ländern mit guter Bleibeperspektive kämen, wie etwa aus Afghanistan.

Vielen Flüchtlinge fehle es zudem an mangelnder Grundbildung, etwa in Mathe – ein wichtiges Fach für viele Berufsabschlüsse. „Wir wissen wenig über die schulische und berufliche Ausbildung der Flüchtlinge“, sagt Carla Burkert vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Es gebe noch keine repräsentativen Untersuchungen. „Vermutlich haben weniger als zehn Prozent einen Hochschulabschluss“, gibt Skerutsch erste Erhebungen wieder.

„Das Bildungssystem in Syrien war bis zum Krieg zwar vergleichsweise sehr gut, die Unterschiede zum Bildungssystem im Westen sind aber dramatisch“, sagt Skerutsch. So gingen Forscher davon aus, dass etwa zwei Drittel der syrischen Schulabgänger keine komplexen Texte verstehen könnten. In Eritrea und Afghanistan seien die Bildungssysteme noch deutlich schlechter. Dazu kämen komplett andere Schriftsysteme.

„Die Leute brauchen nicht nur Deutsch, sondern auch nachholende Grundbildung in Fächern wie Mathe, Geografie, Politik, Geschichte und Physik“, sagt Barbara Sommer von der Volkshochschule Frankfurt. Eine schnelle Entscheidung über den Aufenthaltsstatus und eine lernförderliche Wohnsituation seien wichtige positive Faktoren für den Spracherwerb. „Die meisten Flüchtlinge sind hoch motiviert, und viele sind jung.“

„Wir können nicht alle noch mal zur Schule schicken und den Hauptschulabschluss nachmachen lassen“, sagt Skerutsch. Sein Vorschlag: „Wir müssen in Fächern wie Mathe Essentials herausschälen und Konzepte entwickeln wie die Berufsschulen – oder berufsbegleitend beispielsweise die Volkshochschulen – solche Inhalte vermitteln können.“ Das Sozialministerium in Wiesbaden hält „theorieentlastete zweijährige Ausbildungsberufe“ für sinnvoll und empfiehlt den Ausbau von Teilqualifizierungen.

Menschen mit einem Schulabschluss und Erfahrung im Fremdsprachenlernen bräuchten etwa acht Monate, um auf das B1-Niveau zu kommen, das Voraussetzung für die Einbürgerung ist. An der Frankfurter VHS treffe dies auf etwa 20 bis 30 Prozent zu, sagt Sommer. Rund 40 Prozent lernten langsamer und erreichten das gleiche Niveau erst in 1,5 bis zwei Jahren. Etwa 30 Prozent müssten bei Alphabetisierung und Fremdsprachenlernen unterstützt werden. Burkert betont: Das Ausbildungspotenzial der Flüchtlinge sei hoch. Fast 43 Prozent der Menschen, die 2015 in Hessen einen Asylantrag gestellt hätten, seien zwischen 16 und 30 Jahre alt. Die Arbeitgeber müssten überzeugt werden, „dass die Arbeitskräfte von heute den Fachkräftebedarf von morgen sichern“. (dpa)

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