Grünen bekommen ihr Fett weg

100. Montagsdemo: „Herr Wazir, hören Sie?“

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Ein Termin, für den keine Vergnügungssteuer erhoben wird: Wirtschaftsminister und Ex-Ausbau-Kritiker Tarek Al-Wazir traute sich trotzdem auf die 100. Montagsdemo der Flughafenausbau-Gegner und damit in die Höhle des Löwen. Auch der Chef der hessischen SPD und Oppositionsführer Thorsten Schäfer-Gümbel war da.

Frankfurt - Blass? Ja, das ist er. Verkniffenes Lächeln? Ja, das zeigt er. Der grüne Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir ist die am meisten durch Pfiffe und Buhrufe geschmähte Person bei der 100. Montagsdemonstration im Terminal 1 an diesem Montagabend. Von Michael Eschenauer 

Trotzdem besucht er die Höhle des Löwen. Für die einen hat er deshalb „Cojones“, andere nennen es schlicht Mut. „Sie dürfen verdammt nochmal im Wahlkampf nicht versprechen, dass das Terminal 3 nicht gebaut wird, und nach der Wahl überlassen Sie die Entscheidung Fraport“, liest die Sprecherin des Bündnisses der Bürgerinitiativen (BBI), Ursula Fechter, dem Minister die Leviten. Und das vor über 2000 Leuten, die diese herbe Gangart angemessen finden. Al-Wazir hat sich brav ein Erinnerungsband an die Jubiläumsdemo um den Hals geschlungen und debattiert gerade mit einem Nachbarn. „Herr Wazir, hören Sie mich?“, beharrt Fechter. Der so Angeraunzte nickt leicht und kratzt sich am Kehlkopf. Er darf dann erfahren, dass seine Landesregierung sich der Körperverletzung durch Fluglärm schuldig macht. Man hat hier die flotten Versprechen des Wahlkampfs nicht vergessen. „Der Mann hat immerhin Steher-Qualitäten“, sagt Maximilian May aus Flörsheim. Sein Freund Ralph sagt dazu etwas deftiger „der hat Cojones“.

Kaum drei Meter entfernt steht SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel. Als Opposition müssen er und die SPD deutlich weniger Feuer der von der Politik enttäuschten Lärmopfer aushalten. Opposition ist halt nicht immer Mist. „Auch die Opposition sollte sich nicht auf einer neuen Pseudo-Mediation ausruhen“, kriegt er von Fechter doch noch sein Fett weg.

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Es ist die 100. Demo, ein schönes Jubiläum, und die Showband „Rheingold Mainz 1978“ bringt die zeitweise einen wirklich brutalen Krach veranstaltenden Protestler aus dem gesamten Frankfurter Umland mit Samba-Rhythmen auf Betriebstemperatur. Doch hier findet keine lustige Party statt. Im BBI-Aufruf heißt es: „Dies ist kein Freudenfest, sondern ein Zeichen für das bisherige Versagen von Politik und Wirtschaft. Schon einhundert Mal mussten die Bürger ihre Arbeit, ihren Alltag, unterbrechen, um etwas einzufordern, was ihnen laut Grundgesetz zusteht, nämlich Menschenwürde.“ Und Fechter liest, das Mikrofon in der Hand, auf einer Treppe über dem wogenden Meer aus gelben T-Shirts, bunten Plakaten und sehr vielen graumelierten Köpfen eine E-Mail vor, die sie erreicht hat: „Es ist schwer in Worte zu fassen, was es bedeutet, seit zwei Jahren täglich aus dem Schlaf gerissen zu werden. Die Gesundheit meiner Familie hat sichtbar gelitten. Blutdruck und Puls sind in bedenklichem Maße gestiegen. Konzentrationsfähigkeit, Leistungsfähigkeit und Arbeitskraft haben nachgelassen. Wir sind verzweifelt.“

100. Montags-Demo im Flughafen

100. Montags-Demo im Flughafen

Die 100. Demonstration, so Fechters Fazit, sei keine Zäsur und schon gar nicht ein Ende des Protests. Solange die Forderungen nach einer Schließung der Nordwest-Landebahn, nach einem Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, einem Planungsstopp für das Terminal 3 und einer Limitierung der Flugbewegungen nicht erfüllt seien, gingen die Proteste weiter. Die von Al-Wazir immer wieder als goldene Brücke zwischen Ausbau-Notwendigkeit und Lärmminderung gepriesenen Lärmpausen von 5 bis 6 und von 22 bis 23 Uhr finden keine Gnade. „Mogelpackung“ lautet das Verdikt.

Dass sich was verändert hat, stellt immerhin Versammlungsleiter und Anti-Ausbau-Aktivist Jochen Krauss fest. „Zum ersten Jahrestag der Proteste ist kein einziger eingeladener Bürgermeister erschienen. Aber heute sind sie hier.“ Damit hat er recht. Der Rückhalt der Anti-Ausbau-Bewegung in der Kommunalpolitik ist gewachsen. Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider ist mit dem halben Magistrat gekommen. Des gleichen seine Amtskollegen aus Wiesbaden, Mainz und Frankfurt sowie zahlreiche Bürgermeister der Region. Und aus Rheinland-Pfalz lässt Ministerpräsidentin Malu Dreyer den Demonstranten versichern, sie könnten auf ihre Solidarität bauen.

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