Frankfurter sind Pioniere im Vertrieb

Große Hoffnung für Patienten

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Etwa drei Millionen Deutsche nehmen nach Angaben der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht regelmäßig Marihuana und Haschisch zu sich. Uruguay gibt den Verkauf und Anbau von Cannabis nun frei, ebenso einige US-Bundesstaaten. Skeptiker warnen indes vor den Suchtgefahren.

Frankfurt - Noch ist vielerorts die Skepsis groß: Pilotweise will New York Cannabis zur Behandlung Schwerkranker freigeben. In Colorado dagegen ist sogar der private Verkauf von Marihuana erlaubt. Von Fabian El Cheikh

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Soweit ist Deutschland noch nicht, aber Hanf auf Rezept, das gibt es schon jetzt: hergestellt von THC Pharm in Oberrad. Die Firma war die erste, die vor 16 Jahren begann, Cannabinoide zu medizinischen Zwecken herzustellen und zu vertreiben. Einer der Manager, Holger Rönitz, erinnert sich noch gut an die anfänglichen Widerstände: „Wir hatten Polizei und Staatsanwaltschaft im Haus, doch trotz unheimlich vieler Anfeindungen ist es uns gelungen, Cannabinoide verschreibungsfähig zu machen.“

Gut zehntausend Patienten haben nach eigenen Angaben bislang von der Pionierarbeit der Oberräder profitiert. Gegründet wurde THC Pharm 1996 als Patienteninitiative, um eine stabile und gut dosierbare Alternative zu der unkontrollierten und illegalen medizinischen Verwendung von Cannabisprodukten anzubieten. Heute gibt das Unternehmen den natürlich im Cannabis vorkommenden Wirkstoff Dronabinol oder Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) in höchster Reinheit an Apotheken und Krankenhäuser ab und setzt damit qualitative Standards. Wichtige Forschungsarbeit hat das Unternehmen seither bei der Entwicklung medikamentöser Therapieansätze für schwerstkranke und multimorbide Patienten geleistet, Wirtschaft und Wissenschaft setzen auf diese Erkenntnisse und selbst die Krankenkassen, die in sehr engen Grenzen Kosten übernehmen, vertrauen zunehmend den Oberrädern.

Es gibt noch viel Forschungsbedarf

Dabei haben die das Rad nicht neu erfunden, sondern greifen nur auf inzwischen fast vergessene Kenntnisse der Pharmakologie zurück. „Wir nutzen das Know-How über bewährte, im Arzneibuch aufgelistete Substanzen, die der Arzt und Apotheker individuell nach den Bedürfnissen des Patienten selbst dosiert, so wie es früher üblich war“, so Rönitz. Sein Unternehmen stellt anders als die primär an Gewinn orientierten internationalen Pharmariesen kein patentgeschütztes Fertig-Arzneimittel zur Verfügung – in Deutschland ist bislang nur ein Präparat für eine eingeschränkte Indikation bei Multipler Sklerose zugelassen –, sondern Rezeptursubstanzen, die als Präparat zum Inhalieren, als Kapsel oder ölige Tropfen verordnet werden.

Im Labor von THC Pharm werden die Substanzen der Hanf-Pflanze extrahiert und weiterverarbeitet.

Zur Anwendung kommen die Tinkturen vor allem bei neurologischen und onkologischen Krankheitsbildern, hierbei besonders bei pädiatrischen und palliativen Patienten, die traditionell unzureichend mit Fertigarzneimitteln versorgt werden. Die Vorteile der in weiten Teilen der Bevölkerung noch immer verpönten Substanz: „ Cannabinoide können Übelkeit, Appetitlosigkeit, schwere Spastiken und Schmerzen lindern“, betont Rönitz. Allesamt Symptome, die bei den genannten Krankheitsbildern sehr häufig auftreten. Dass noch mehr Potenzial in diesem Naturprodukt steckt, davon ist Rönitz überzeugt. Es gibt jedoch noch viel Forschungsbedarf. „Und dafür fehlen die finanziellen Mittel.“ Dessen ungeachtet ist in den USA ein riesiger Hype ausgebrochen. Zahlreiche US-Staaten haben medizinisches Cannabis erlaubt. In Kalifornien kann Marihuana etwa schon seit 1996 auch für weniger schwere Krankheiten wie Rückenschmerzen verschrieben werden. Nun plant auch der Bundesstaat New York eine Lockerung seiner Marihuana-Gesetze, um Behandlungen zu erlauben. Zunächst sollen 20 ausgewählte Krankenhäuser Cannabis verschreiben dürfen.

„Da kommen schnell Ängste hoch“

Große Hoffnungen weckte jenseits des Atlantiks unter anderem die Meldung, dass ein CBD-Extrakt ein Mädchen mit Dravet-Syndrom von ihren Spastiken befreit habe. Auch andere Epilepsie-Patienten hegen teils große Erwartungen, dass die Substanz ihre Symptome lindern kann. In Oberrad hat man schon vor Jahren begonnen, CBD für Studien zu produzieren. Aussagen, dass Cannabis alle Krankheiten aus der Welt schaffen könnte, weist der Experte aber als „unwissenschaftliche Argumentation“ zurück. „Das führt nur dazu, dass unsere Arbeit nicht ernstgenommen wird.“

Die jenseits medizinischer Aspekte geführte Debatte um eine Legalisierung von Marihuana erachtet Rönitz als wenig hilfreich für die Patienten, die Cannabis nicht als Genuss-, sondern als Arzneimittel benötigen. Nicht, dass er damit rechnete, Marihuana werde auf alle Ewigkeiten in Deutschland verboten bleiben. „Ich glaube schon, dass in einigen Jahren der Verkauf und Konsum bei uns neu bewertet wird.“ Ihn ärgert vielmehr, dass sich die Debatten über medizinischen Nutzen und generelle Legalisierung überschneiden und hochemotional geführt werden: „Da kommen schnell Ängste hoch, man werde süchtig.“

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Besonders in der Adoleszenz-Phase des Menschen bestehe zwar durchaus eine erhöhte Suchtgefahr wie auch bei legalen Drogen, räumt Rönitz ein. Marihuana, das Kritiker „fälschlicherweise“ als Einstiegsdroge bezeichneten, sei jedoch aus toxikologischer Sicht weit weniger problematisch als etwa Alkohol, betont er. Und todkranke Patienten werden mögliche Gesundheitsgefahren wohl ohnehin ganz anders bewerten.

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