Interview mit Walter Renneisen und Sigmar Solbach in Frankfurt

„Das Kindliche macht ein Genie aus“

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Austern, Wein und Sticheleien: Bach (Walter Renneisen) und Händel (Sigmar Solbach) beim Machtspiel an der Etagere

Frankfurt - Zwei ganz Große duellieren sich aktuell am Fritz-Rémond-Theater Frankfurt: Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel. Pardon. Walter Renneisen und Sigmar Solbach. In „Mögliche Begegnung“ stänkern die Schauspieler über den Wert der Kunst. Von Eva-Maria Lill

Ein Paradestück. Aber wie ist das, unter der Perücke eines Weltmusikers zu stecken? Renneisen und Solbach verraten es im Interview.

Herr Solbach, Herr Renneisen. Jetzt gilt’s: Bach oder Händel?

Solbach: Ich bin kein Klassikexperte. Aber tatsächlich habe ich den leichteren Zugang zu Händel, nicht nur, weil ich ihn spiele. Er war ein toller Verkäufer seiner selbst und ein großer Komponist.

Renneisen: Bach! Händel war zwar auch ein begabter Kerl, der harmonisch viel drauf hatte. Aber Bach ist nun mal genialer. Auch, weil ich ihn spiele (lacht).

Wie viel Vorbereitung braucht’s, um eine historische Figur umzusetzen?

Renneisen: Ich hatte schon früher viel mit Bach zu tun, als ich Jazzmusik gemacht habe. Bach selbst spielt auch viel mit Variationen herum.

Solbach: Ich habe Händel gehört, über ihn gelesen. Das macht ja auch am meisten Spaß in unserem Beruf, dieses Sich-Einfühlen.

Was war an Bach und Händel das Reizvolle?

Renneisen: Bach ist der Zurückhaltende. Es gibt immer Leute, die diese ganz große Show abziehen, obwohl sie nichts können. Bei Bescheidenen wird das Genie oft verkannt. Leider. So einen zu spielen, fand ich spannend.

Solbach: Ich habe letzte Saison am Rémond den Philippe in „Ziemlich beste Freunde“ gegeben. Der Part im Rollstuhl war sehr intensiv. Aber, na ja, auch bewegungslos, distinguiert. Händel ist das totale Kontrastprogramm, berserkerhaft, körperbetont. Das hat mit meinem normalen Auftreten wenig zu tun. Da musste ich ganz schön tief in mir graben.

Wie meinen Sie das?

Solbach: Der Mensch, der trägt in sich unendlich viele Persönlichkeiten. Davon verstecken wir die meisten, weil wir nach außen ein bestimmtes Bild von uns verkaufen wollen. Meine Aufgabe als Schauspieler ist es, in mir nachzuschauen, was da schlummert. Ich muss immer ehrlich zu mir sein.

Also würden Sie sagen, dass die Auseinandersetzung mit sich selbst das Geheimnis eines guten Schauspielers ist?

Solbach: Nicht nur. Das funktioniert wie beim Tennis, wenn der Gegner einen guten Ball spielt, kann ich gut zurückschlagen. Das Wichtigste ist, aufeinander zu reagieren. Das klappt bei mir und Walter sehr gut. Nicht nur, weil wir beide in Bochum studiert haben und praktisch aus der gleichen Schmiede kommen.

Renneisen: Genau, das Besondere an „Mögliche Begegnungen“ ist Interaktion. Die läuft vor allem über Sprache. Die Handlung kommt nicht so martialisch daher wie zum Beispiel bei Shakespeare. Es geht nicht um Leben und Tod. Es gibt keine Leichen.

Solbach: Im übertragenen Sinn aber schon. Es geht mitten in die Eingeweide, sozusagen. Da stehen zwei Gestalten der Weltmusikgeschichte, werden von ihrem Sockel heruntergezerrt und ausgezogen. Der eine verliert den Mantel der Bescheidenheit, der andere den des Großkotzes. Da blättert alles ab und am Ende bleibt ein Menschlein übrig. Das ist für Schauspieler natürlich ein gefundenes Fressen.

Ist das nicht ein bisschen unmodern? Der Trend am Theater geht ja weg von Sprache, hin zu Leichen ...

Solbach: Schrecklich. Sprache ist der Kern unseres Berufes. Das, was aktuell am Theater passiert, dieses Hervorzerren der Nichtsprache, das finde ich frustrierend.

Renneisen: Unsere Aufgabe als Schauspieler sollte es sein, dem Zuschauer die Hand zu reichen und ihn durch das Stück zu führen. Das geht am besten über Sprache. Wenn die wegfällt ... Da brauchen sie sich auch nicht zu wundern, wenn niemand mehr kommt.

Solbach: Wenn ich ins Theater gehe, möchte ich etwas erfahren und kein Kreuzworträtsel lösen. Ich bin genervt davon, dass manche denken, dass Nichtverstehen höhere Kunst sei als einfaches Begreifen. Schließlich sollen Schauspieler das Schwere mit Gesten, Mimik, Sprache verständlich machen. Eigentlich geht es um Gedankenkraft. Solche, die sich vom Schauspieler aufs Publikum überträgt und andersherum. Daher muss ich das, was ich auf der Bühne tue, als Schauspieler ganz präzise denken. Uns hat keiner versprochen, dass das einfach wird. Schauspieler ist ein anspruchsvoller Beruf.

So anspruchsvoll wie die Musik? Bach sagt in „Mögliche Begegnung“: Komponieren ist wie das Spiel eines Kindes. Wie viel Kind steckt im Schauspieler?

Renneisen: Ehrlich: Diese Stelle stand gar nicht im Text, die habe ich angefügt. Eben weil mir das am Herzen liegt. Diese Naivität, nicht erzwungen zu sein. In alle Richtungen zu denken (er kramt in seinem Portmonee, zieht einen Zettel heraus). Der Regisseur Max Reinhardt hat mal gesagt (liest): „Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.“ Bach, der hat in alle Richtungen gedacht, der war gar nicht zu bremsen. Diese Fantasie, dieses Kindliche, das macht das Genie aus. Das gilt auch für den Schauspieler. 

Bach war ein Genie, aber arm. Händel gilt als weniger begabt, war aber steinreich. Was wäre Ihnen lieber?

Solbach: Ach je. Beides. Genial und reich (lacht).

Renneisen : Wir wollen nicht übertreiben. Händel war auch ein raffinierter Hund und sehr begabt. Irgendwie muss man seine Kunst auch verkaufen. Das ist beim freien Schauspieler nicht anders. Wobei: Ein Minimum an Würde muss bleiben.

Das heißt?

Renneisen: Ich würde zum Beispiel nichts fürs private Fernsehen machen.

Solbach: Bei mir sind’s eher die Figuren. Die müssen eine gewisse Tiefe haben. Nur so platte Hosenrunterlassgeschichten, die würde ich nicht spielen.

Renneisen: Das ist auch das Schwierige an Komödien. Ich bin froh, dass es in „Mögliche Begegnung“ so viel zu lachen gibt. Bei den Deutschen ist es schwer, ein Lustspiel mit Niveau zu finden. Da haben uns die Engländer einiges voraus. Die Franzosen auch.

Solbach: Und die Italiener. Eigentlich jeder. Ich will Theater zum Lachen machen, über das man sich nicht schämen muss.

Welche Rolle spielt da die Reaktion des Publikums? 

Solbach: Ohne Publikum gibt es kein Theater. Klar. Aber wenn man da oben steht, dann spürt man alles wie durch ein Brennglas, bei Komödien besonders. Ob das Publikum mitgeht oder in der Nase bohrt. Ein waches Publikum trägt entscheidend zu einem gelungenen Theaterabend bei. Zuschauen ist niemals passiv.

Renneisen: Ich höre oft: „Ich verstehe nichts vom Theater, deshalb gehe ich nicht hin.“ So ein Unfug. Der Beruf des Publikums ist ganz einfach. Das Theater finden, eine Karte kaufen, Platz nehmen. Dann beginnt der Beruf des Schauspielers.

Solbach: Eben. Der tritt auf und muss abliefern. Wenn’s schiefläuft, dann liegt es niemals am Zuschauer. Der lebt praktisch ungefährlich.

Schauspielen funktioniert wie Tennis. Wenn der Gegner einen guten Ball spielt, kann ich gut zurückschlagen.

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