Panik-Feierei und Plädoyer für Toleranz

Udo Lindenberg rockt Frankfurter Festhalle

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Udo Lindenberg schwebt in die Frankfurter Festhalle. Weitere Motive des Konzerts finden Sie in der Bildergalerie.

Frankfurt - Hut, Sonnenbrille und viel Hüftschwung - der Deutschrocker Udo Lindenberg ist auch mit 70 kein bisschen bühnenmüde. Das lässt er die Fans in der Frankfurter Festhalle spüren. Von Christian Schultz

Udo Lindenberg schwebt auf einer stählernen Kanzel ein und fliegt im Raumanzug unter Getöse per Rakete davon. Dazwischen liegen drei Stunden Show-Spektakel pur, mit aufwendiger Video- und Lichtershow, allerlei Spezialeffekten und einer ganzen Armada an Sängern und Tänzern. Unter der altehrwürdigen Kuppel der Frankfurter Festhalle rockt, philosophiert und küsst sich der 70-Jährige am Dienstagabend in die Herzen seiner Fans - gewohnt rastlos, feierwütig und ausdauernd. Perfekt passend zum Wetter der vergangenen Tage erschüttert zu Beginn des Spektakels ein mächtiges Unwetter auf der Videowand die Halle. Blitze und Donner zucken und dröhnen. Was folgt, ist ein musikalischer Ritt durch vergangene Jahrzehnte, untermalt mit Bildern aus Lindenbergs bewegtem Leben.

Der 70-Jährige spannt mit seiner Crew einen weiten Bogen von Klassikern wie "Mein Ding", "Sonderzug nach Pankow" und "Alles klar auf der Andrea Doria" bis hin zu jüngeren Hymnen wie "Reeperbahn" oder "Ich schwöre". Es hat Tradition, dass Lindenbergs Auftritte mit dem Panik-Orchester um Kumpel Steffi Stephan mit Gast-Promis bereichert werden - auch auf seiner "Kein Panik!"-Tour 2016, deren vorletzte Station Frankfurt ist. Bei einem Auftritt in Hamburg tobte sich kürzlich Stefan Raab am Schlagzeug aus und absolvierte seinen ersten öffentlichen Auftritt seit dem TV-Abschied im vergangenen Dezember. In der Festhalle singen Lokalmatador Daniel Wirtz, bekannt aus der Vox-Musikshow "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert", samt Basecap und Stefanie Heinzmann mit dem Wahl-Hamburger im Duett. Wirtz gibt mit Udo den Song "Cello" zum Besten, später rappt der Hesse und singt Lindenberg sozusagen in den Musik-Olymp, als er mit der Zeile "Rock me Ama-Udo" an das berühmte "Rock me Amadeus" von Falco erinnert.

Die Schweizerin Heinzmann kommt zu "Ich brech' die Herzen der stolzesten Frauen" auf die Bühne und gibt eine Kostprobe ihrer Stimmgewalt. Mit von der Partie ist in der Festhalle auch Schauspieler Axel Prahl. Er hat sichtlich Spaß an der Seite von Udo und zeigt ungeahntes Rhythmusgefühl im Takt klatschender Hände. Zu sehen gibt es an diesem Abend in der Festhalle einen Lindenberg, der im Verlauf des Abends so richtig in Fahrt kommt - in knallgrünen Schuhen, mit unzähligen Jacken-Variationen, Eierlikör gurgelnd, sich an schöne Tänzerinnen schmiegend, den Kontakt mit seinen Fans suchend. Und er hat einige politische Botschaften im Gepäck. Er wirbt für eine "bunte Republik Deutschland", reckt zum Lied "Wozu sind Kriege da?" den Mittelfinger in Richtung Waffenindustrie empor, später gilt der Finger den "Nazi-Schweinen". Es müsse gegen das Nationalgebrüll dieser Tage auf die Straße gegangen werden, ruft er. "Wir wollen keine neue Grenzen", nuschelt der 70-Jährige ins Mikrofon.

Fotos: Udo Lindenberg vor 13.000 Fans in der Festhalle

Es brauche ein solidarisches, großes Europa, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan "rumeiern" müsse, einem "versuchten Sultan, der die Türkei zurückregieren will ins Mittelalter", wie Lindenberg befindet. Auch AfD-Frontmann Alexander Gauland bekommt bei dem ausverkauften Konzert sein Fett weg. Lindenberg spricht von diesem "Gauleiter oder wie der heißt" und attestiert ihm zumindest etwas Gutes: Er habe die Maske der AfD so weit heruntergezogen, dass man die hässliche Fratze des Rassismus gut erkennen könne. Auch seinen 70. Geburtstag, den er erst im Mai gefeiert hatte, und das Thema Vergänglichkeit lässt Lindenberg nicht aus. Er grüßt Freunde wie David Bowie und Lemmy Kilmister von Motörhead, die mittlerweile "da oben" sind. "Irgendwann kommen wir nach - aber wir haben noch Zeit", ruft Lindenberg und stimmt die Ode an seinen leidensfähigen eigenen Körper an: "Mein Body und ich." (dpa)

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