„Wozzeck“ an der Oper Frankfurt heraus

Lauter seelisch Schwerverletzte

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Dramatische Wendung: Claudia Mahnke als Marie und Audun Iversen als gedemütigter Wozzeck in der Opernpremiere in Frankfurt

Frankfurt -  Ein wahrer Albtraum vom Menschsein ist dieser „Wozzeck“, der auf Büchners Drama basiert und in Frankfurt 90 Minuten in Atem hält. Von Klaus Ackermann 

Regisseur Christof Loy hat Alban Bergs Tragödie um den von Angstvisionen geplagten Soldaten gründlich hinterfragt und lauter seelisch Schwerverletzte entdeckt. Analog dazu erklingt die enervierende, überwiegend atonale Musik des Wiener Zwölftöners, deren unheilvolle Stimmungslage Sebastian Weigle und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester noch grotesk zu steigern verstehen. „Wir arme Leut!“ – Wozzecks Ausbruch ist hier Programm. Weil er nur wenig Geld hat, obwohl er sich noch beim Hauptmann für Gelegenheitsarbeiten und beim dubiosen Arzt als Versuchskaninchen verdingt. Doch um Marie zu heiraten, die mit ihm einen gemeinsamen Sohn hat, reicht es nicht. Zumal sich diese mit dem brutalen Tambourmajor einlässt.

In Herbert Murauers Bühnenbau mit hermetisch abschließender Wand und Türen zum Vorraum, auch als Wartezimmer genutzt, und zu einer hinteren Stube, rücken die Hauptfiguren des Beziehungsdramas dem ohnehin schon psychisch stark angegriffenen Wozzeck dauerhaft auf die Pelle. Bariton Audun Iversen, in Jeans und T-Shirt (Kostüme: Judith Weihrauch), ist dieser tumbe Tor, der die Welt nicht mehr versteht, aber selbst im Sprechgesang anzurühren vermag.

Bedrängt vom Hauptmann Peter Bronder, entlarvend kostümiert mit Smoking-Jacke und Schaftstiefeln, der mit schneidendem Tenor aus Wozzeck einen Gutmenschen machen will. Sein Gelächter wirkt wie der Herzanfall eines Hypochonders. Umgarnt vom zynischen Mediziner, der ihn für zweifelhafte Experimente nutzt – eine Paraderolle für Alfred Reiter. Oder vom eher abgerissenen Tambourmajor Vincent Wolfsteiner, der mit bewusst überzogenem Heldentenor Marie verführt und dann schnell zur Flasche greift.

Eine starke Frau ist diese Marie, ob in Lust oder im Leid. Wenn Sopranistin Claudia Mahnke wie traumverloren ihr Wiegenlied singt, läuft es einem kalt den Rücken herunter. Erweist sich Loy hier einmal mehr als Meister der Personenregie, so wartet er zudem mit starken Bildern auf. Etwa im Wirtshaus, ein Tableau mit Damenkapelle, Säufern, Huren und jungen Burschen, die mit Macht einen klanglich grotesken Jägerchor schmettern (Chor: Tilman Michel). Beobachtet von Wozzeck, der seine Marie und ihren Galan belauert.

Da sieht man förmlich, wie sich sein Herz zusammenzieht. Im Schlafsaal der Kaserne hocken Männer in Unterwäsche auf breiter Linie auf Stühlen, teilnahmslos, wenn der betrunkene Tambourmajor auf den nur wenig Widerstand bietenden Wozzeck eindrischt.

Ein Hauch von Romantik kommt in dieser klinischen Fall-Analyse auf, wenn die graue Wand einem Kornfeld Platz macht, das einem See vorgelagert ist, der zu Wozzecks Grab wird, nachdem er Marie erstochen hat. Es ist einer jener naturalistischen Momente, bei dem man im Orchester das Gurgeln des Wassers und das Rufen der Unken zu hören vermeint. Klanglich fein austariert von Weigle, der glasklar atonale Stimmverläufe aufzeigt, wie er die orchestralen Stränge zum verzweifelten Schrei verdichtet. Vor allem im berühmten Zwischenspiel, das aus einem einzigen Ton besteht, der zum ungeheuerlichen Crescendo anschwillt.

Wenn sich der Vorhang wieder hebt, sind kleine Wölkchen am blauen Himmel, Kinder singen Ringelreigen, und der Narr (Martin Wölfel) animiert den das Springseil schleudernden, nun elternlosen Knaben (Edward Jumatate) mit einem „Hopp, hopp“. Doch der formt aus der Kordel lieber einen Galgenstrick …

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