Mit 77 Jahren jung geblieben

Peter Kraus: Luftsprünge im offenen Hemd

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Peter Kraus

Frankfurt - „Sexy Hexy“ bis der Arzt kommt, oder: Mit 77 ist dann doch mal Schluss. Vielleicht. Oder? Naja, mal sehn. Von Peter H. Müller 

Deutschlands letzter echter Rock’n’Roller spendiert in der Alten Oper zunächst nochmal eine Zugabe zu seiner definitiv möglicherweise allerletzten Abschiedstournee. Bei Peter Kraus, seit drei Monaten höchstamtlich bestätigter Opa, weiß man ja nie. Während seiner von rund 2 000 Best Agern bejubelten Retro-Show in Frankfurt spricht er jedenfalls schon wieder von frischen Ideen für ein neues Album.

Anno 2011, vor gefühlten Ewigkeiten, war die wahrscheinlich längste Farewell-Saga dieser Dekade so richtig in Fahrt gekommen. Peter Kraus hatte mit „Für immer jung“ gerade ein autobiographisches Buch vorgelegt. Eine finale, 60 Auftritte umfassende Konzerttour sollte den Schlusspunkt hinter die sieben Päpste und acht Bundeskanzler überdauernde Karriere setzen. So der Plan. Eigentlich. Aber: Germanys ältester Teenager scheint von der Bühne einfach nicht genug zu kriegen, zumal es seinen Fans ähnlich geht.

Die Frage, ob es nicht doch ein wenig albern ist, wenn ein 77-Jähriger das Jeans-Hemd bis zum Nabel aufknöpft, wild die Hüften kreiseln lässt, auf dünnen Beinchen Luftsprünge übt oder mal eben eine Pappmaché-Gitarre zerdeppert, liegt zwar nahe, sie läuft aber ins Leere. Bei Peter Siegfried Krausnecker wirkt auch deshalb nichts albern, weil er das Ganze mit Selbstironie schmückt – egal, ob er mit Marlon-Brando-Bikerjoppen („Die letzten Rock"n"Roller“) die Rampe stürmt, das unkaputtbare „Sugar Baby“ durch die Lenden rockt oder zum 1000-sten Mal „Rote Lippen soll man küssen“ intoniert.

Obwohl hoffnungslos nostalgisch, ist Kraus jung geblieben. Nach 60 längst nicht immer glorreichen Jahren in Film und Showbusiness weiß er, was er (gut) kann – und was er besser lässt. Wenn er zu den obligatorischen Elvis-Klassikern „Don’t Be Cruel“, „Heartbreak Hotel“ und „Viva Las Vegas“ von den ersten ungelenken Hüftschwüngen vorm elterlichen Schlafzimmerspiegel erzählt, ist das nicht nur Charme-Offensive für ein Publikum, das ihn zum Teil noch als Jungspund in Kästners „fliegendem Klassenzimmer“ (1953) erlebt hat.

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Nein, der ewige Münchner Sonnyboy hat sich diese entzückend antiquierte Art der Unterhaltung konserviert. Und die achtköpfige, selbstverständlich mit Bläser-Trio besetzte Band mit dreistimmigem Background-Chor tut ein Übriges dazu, dass die prall gefüllte Dreistunden-Zeitreise in die Schlager- und Rockabilly-Ära nie verstaubt wirkt – selbst wenn Musikfilm-Liedlein „Mit 17“ oder „Wenn Teenager träumen“ aus heutiger Sicht eher herzig skurril daherkommen. Uns aller Peter, das personifizierte deutsche Wirtschaftswunder, darf das.

Diesen Rückblick auf die besten, ganz alten Tage muss man einfach genießen. Und draußen wartet ja noch in Vinyl gegossene Wegzehrung: „Jede Menge Hits – jede Menge Leben“, die „Abschieds“-Schallplatte. Auf eine Wette, dass es tatsächlich das letzte Kraus-Album war, sollte man besser nicht einschlagen.

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