Anlagebetrug durch S&K

Monsterprozess bremst Justiz aus

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Dem Angeklagten Stephan S., einem der beiden Firmengründer der Immobilienfirma S&K, werden im Gerichtssaal des Landgerichts in Frankfurt die Fußfesseln abgenommen. Wegen schwerem und bandenmäßigen Betrugs sowie Untreue sind die beiden Firmengründer sowie vier weitere Männer angeklagt. Den Gesamtschaden beziffern die Ermittler auf mehr als 240 Millionen Euro.

Frankfurt - Der Prozess um millionenschwere Anlage- betrügereien beim Frankfurter Immobilienunternehmen S&K sprengt alle Dimensionen. Ein Geburtsfehler macht die Materie nahezu unbeherrschbar. Von Christian Ebner

Als vor einem Jahr der Prozess gegen die mutmaßlichen Anlagebetrüger rund um die Immobiliengruppe S&K begann, hatte Strafverteidiger Ulrich Endres prophezeit, dass das Verfahren drei Jahre dauert. Nach mehr als 60 Verhandlungstagen liegt diese Schätzung bereits am unteren Rand, denn die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Frankfurt beginnt gerade erst, die Beweise zu sichten. Angeklagt sind der Endres-Mandant Stephan S. und sein Kompagnon Jonas K., die der Immobilienfirma S&K ihre Gründer-Initialen gegeben haben. Ihnen und vier weiteren Angeklagten wird vorgeworfen, mit einer Vielzahl von Grundstücksgeschäften Anleger in ein betrügerisches Schneeballsystem gelockt zu haben. 11 000 Geschädigte sollen insgesamt 240 Millionen Euro verloren haben.

Schon die Ermittlungen nach der spektakulären Razzia im Februar 2013 dauerten zwei Jahre und sieben Monate. Unterstützt von Wirtschaftsprüfern ackerten sich Staatsanwälte und Kripo-Beamte durch 100 Terabyte Daten aus einem Konglomerat von mehr als 150 ineinander verschachtelten Firmen. Heraus kam neben rund 1 000 Ordnern Ermittlungsakten eine Anklageschrift mit 3 150 Seiten, in der 884 Zeugen benannt werden. Der Versuch, dieses Monster zu zähmen, muss wohl als gescheitert angesehen werden.

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Die Sitzungsvertreter der Anklagebehörde haben im Saal E I einen angeblich konzentrierten „Anklagesatz“ von mehr als 1700 Seiten verlesen und dafür mehr als drei Monate gebraucht. Die fast endlose Liste der konkreten Vorwürfe und Geschäfte diene laut Strafprozessordnung der Information der Prozessbeteiligten und der Öffentlichkeit, hatte Gerichtssprecher Werner Gröschel erläutert. Prozessbeteiligte sprechen dagegen vom Informations-Overkill der Staatsanwaltschaft. Zumindest bot der üppige Stoff reichlich Angriffspunkte für die Verteidiger: Befangenheitsanträge, Zuständigkeitsrügen, Anträge auf Haftentlassung – für Freunde der Strafprozessordnung mag das Verfahren manchen Leckerbissen geboten haben, für die meisten Teilnehmer ist es längst zur Qual geworden.

Die Verschleißerscheinungen sind unübersehbar: Die beiden Verfasser der Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft sowie eine Ergänzungsrichterin sind aus unterschiedlichen Gründen bereits ausgestiegen. Sollte der zweite Ergänzungsrichter auch ausfallen, wird es eng für die Kammer unter Vorsitz des bedächtigen Alexander El Duwaik, diesen Prozess mit einem Urteil zu beenden.

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Die seit dreieinhalb Jahren in Untersuchungshaft sitzenden Angeklagten bestreiten die Vorwürfe. Jonas K. hat das über Monate so detailliert getan, wie es die Anklageschrift vorgegeben hat. Kompagnon Stephan S. schweigt. Thomas G., Ex-Geschäftsführer einer Hamburger Investmentgesellschaft, die S&K-Papiere vertrieben hat, war geständig und wurde aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft schiebt unterdessen die Verantwortung für das Monsterverfahren dem Gericht zu: Die Kammer müsse nun entscheiden, welche Anklagepunkte Gegenstand der Beweisaufnahme werden sollen, teilte ein Sprecher mit. Nur zu diesen Themen müssten dann auch die Zeugen vernommen werden. Nach einem schnellen Prozessende hört sich das aber auch nicht an. (dpa)

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