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Autor Arnon Grünberg experimentiert gerne mit seinen Lesern

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Von der Neugier getrieben: Der in New York lebende niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg misst die Gehirnströme seiner Leser. - Foto: Berins
Von der Neugier getrieben: Der in New York lebende niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg misst die Gehirnströme seiner Leser. © Berins

Frankfurt - Er ist aktuell einer der interessantesten und produktivsten niederländischen Autoren. Arnon Grünberg hat auf der Buchmesse die Gastland-Eröffnungsrede gehalten und präsentiert jetzt seinen Roman „Muttermale“ auf den Bühnen. Doch der Autor will auch etwas über seine Leser erfahren: und zwar am liebsten alles. Von Lisa Berins

„Neutral.“ Der Versuchsleiter schaut ungläubig auf das EEG-Kopfband und auf den Tablet-Computer. „Keine Reaktion. Da muss irgendwas kaputt sein.“ In dem kleinen, bunten Container mit der Aufschrift „Grunberg Lab“ werden eigentlich andere Ergebnisse erwartet. Der niederländische Autor Arnon Grünberg lässt dort einen Versuch durchführen: Er möchte wissen, wie Leser auf seinen Text reagieren. Mit Sensoren und einer Kamera werden Gehirnaktivität und Emotionen beim Lesen des E-Books „Het bestand“ („Die Datei“) gemessen und mit den körperlichen Reaktionen des Autors verglichen. Der trug beim Schreiben des Textes ebenfalls einen Gehirnstrommesser.

Schock, Freude, Trauer, Erregtheit – all das legt der Proband im „Grunberg Lab“ offen. Was fängt der Autor damit an? Will er den Leser emotional lenken, ihn manipulieren? Arnon Grünberg lümmelt in Messehalle 3.1 vor den Bücherregalen seines Verlags Kiepenheuer & Witsch: Unter dem locker sitzenden blauen Anzug schauen Ringelsöckchen hervor, das Gesicht versteckt er hinter einer Zeitung. Es dampft aus einem Pappbecher mit heißem Tee. Gestresst, wie der Verlag ankündigte, wirkt er eher nicht.

Der 45-Jährige ist einer der bekanntesten niederländischen Autoren der jüngeren Generation. Gemeinsam mit der Lyrikerin Charlotte van den Broeck hat er bei der Eröffnung der Buchmesse stellvertretend für die Autoren des diesjährigen Gastlandes gesprochen. Die Chance, diese Rede zu halten, wollte er sich nicht entgehen lassen, sagt er. Als eine Art Aushängeschild der niederländischen Literaturszene sehe er sich aber nicht. Tatsächlich gibt es wohl kaum einen lesenden Niederländer, der Grünberg nicht kennt: Der Sohn jüdischer Eltern ist ein Vielschreiber und durch seine polemische, teils absurde Kolumne „Voetnoot“ („Fußnote“) in der Zeitung „De Volkskrant“ bekannt.

International hat er 1994 mit „Blauer Montag“ einen ersten Erfolg gelandet, mittlerweile hat er etwa zwei Dutzend Titel, daneben Gedichte, Essays, Theaterstücke und journalistische Berichte veröffentlicht. Auf der Buchmesse stellt er sein neues Buch „Muttermale“ vor, das gerade auf Deutsch erschienen ist, und sein E-Book „Die Datei“. „Aha, keine Reaktion“, überlegt der Autor. Das Ergebnis des Tests aus dem „Grunberg Lab“ scheint ihn wenig zu überraschen. Die meisten der bisher etwa 250 Probanden hätten nicht mit ihren Ergebnissen gerechnet, sagt Grünberg. Das eigene Empfinden unterscheide sich eben stark vom körperlich Messbaren. Beim Schreiben des E-Books hätte er auch selbst wenig Emotionen gezeigt. Wahrscheinlich, weil die eigentliche Kopfarbeit schon vorher passiert sei, bevor er sich an den Computer gesetzt habe, überlegt er. Grünberg spricht leise. Durch die Brillengläser wirken seine Augen klein. Fast meint man, er sähe gelangweilt aus. Dann packt ihn plötzlich der Terminstress.

Es bleibt gerade noch Zeit für ein Foto, dann geht es weiter: Interviews mit der Presse, Gespräche auf Verlagsbühnen und fürs Fernsehen. Eigentlich sei er ja eine sehr neugierige Person, betont Grünberg immer wieder in Interviews – Neugier sei ein Teil seines persönlichen Glücks. Und das sucht er ständig und überall: 2006 war er als Kriegsberichterstatter in Afghanistan, er arbeitete probeweise als Masseur in Rumänien und begleitete einen Psychotherapeuten in einer Anstalt in Rotterdam.

Die Abenteuer finden sich in seinen Berichten und Erzählungen wieder. Wie auch im neuen Roman „Muttermale“, in dem es um den Psychiater Otto Kadoke geht, der als Notfallseelsorger versucht, Menschen vom Selbstmord abzuhalten. Sein Privatleben ist nicht weniger deprimierend: Kadokes Mutter ist ein Pflegefall und die nepalesischen Helferinnen haben gerade den Job gekündigt.

Den Roman hat Grünberg direkt nach dem Tod der eigenen Mutter im Februar 2015 geschrieben. Kurz vorher war er zurück in sein altes Elternhaus gezogen. Autobiografische Elemente will der Schriftsteller in „Muttermale“ aber nicht sehen. Allerdings sei sein Werk eine Art „Fußnote“ zum Leben seiner Mutter. Wer das Oeuvre Grünbergs verstehen will, muss also auch die Memoiren seiner Mutter Hannelore Grünberg-Klein lesen, die ebenfalls gerade erschienen sind.

Arnon Grünberg sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einer Messebühne und liest. In der Geschichte hat sich gerade Betty als neue Betreuerin für die Mutter vorgestellt – und eine schockierende Entdeckung gemacht: „Ihre Mutter hat einen Pimmel!“, liest Grünberg. Es ist eine etwas überraschende, absurde Wendung. Ein wenig erstarrt sind die Blicke der Zuhörer, ein einzelnes hallendes Lachen ist zu hören. So richtig weiß man nicht, was man von diesem Autor halten soll. Grünberg sieht das alles nicht, denn er schaut gar nicht ins Publikum. Warum auch. Das wahre Urteil ist für ihn ohnehin physikalisch messbar.

„Grunberg Lab“ bis Sonntag 17.30 Uhr, Agora, Arnon Grünberg auf dem Blauen Sofa: Sonntag, 14 bis 14.30 Uhr. Weitere Termine: www.buchmesse.de

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