Romantische Technokunst

Auf Zeitreise mit Jean-Michel Jarre

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Musikalisch upgedatet: Der französische Musiker Jean-Michel Jarre präsentiert ein Gesamtkunstwerk.

Frankfurt - Es ist längst angerichtet, als die letzten Besucher ihren Platz im weiten Rund der Festhalle suchen. Jean-Michel Jarre hat sich und seinen Fans zur Deutschland-Premiere seiner Europatournee einen DJ als Vorprogramm mitgebracht. Von Detlef Kinsler

Ein erstes Signal, dass hier nicht die vielleicht erwartete, gepflegte und vor allem arbeitnehmerfreundliche Abendunterhaltung, Sonntag, 19 Uhr, zu erwarten ist. Synthesizerspieler Jarre bereitet zwar längst die Veröffentlichung des Albums „Oxygène 3“ im Dezember vor – dem letzten Teil der 40 Jahre alten Trilogie – die Konzerte stehen jedoch unter dem Motto seiner letzten beiden Alben „Electronica“, Untertitel „The Time Machine“ und „The Heart Of Noise“. Auf ihnen versuchte der Franzose, seine musikalische DNA mit der von Kollegen, denen er sich ästhetisch verbunden fühlt, zu kreuzen. Darunter illustre Namen wie Laurie Anderson, Massive Attack, Hans Zimmer, Peaches und Yello. Klar, dass die in frankfurt nicht mit Jarre auf der Bühne stehen.

In Claude Semard und Stephane Gervais hat er zwei Helferlein an Keyboards und Percussion in seinem Laboratorium. Und die anderen, denen er im Programm seine Reverenz erweist, den Berliner Pionieren „Tangerine Dream“ in „Zero Gravity“ und den Pet Shop Boys in „Brick England“ etwa, kommen dann eben als Vocoder-Stimmen von der Festplatte. Es ist ohnehin müßig feststellen zu wollen, wie viel Prozent der Performance live gespielt werden. Es könnte auch alles aus der Konserve kommen. Früher hätte ein Publikum bei vermuteten „Playbacks“ protestiert. Heute goutiert man es als Gesamtkunstwerk. Das spektakuläre Lichtdesign von Jvan Morandi ist „State of the Art“. Jarre & Co. agieren zwischen futuristischen Projektionswänden in einem dreidimensionalen Raum, mal kosmische Welten, mal Muster oder andere Bilder und Botschaften.

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Eine kommt von Edward Snowden. Das Manifest des Songs „Exit“ lautet: „Technology can improve democracy.“ Nur: Was passiert mit unseren Daten? Die Musik dazu ist – wie sooft an diesem Abend – technoid und passt so gar nicht zum frühen Image Jarres als Romantiker. „Weichspülproduzent“ hat ihn der „Spiegel“ einmal genannt. Doch das hier Präsentierte ist mitunter brachial laut mit markerschütternden Bässen und schrillen Höhen, immer mal wieder durchbrochen von Stücken aus dem Frühwerk mit „Equinoxe“ und „Oxygène“. Dessen „Part 2“ und vor allem „Part 4“ sind die euphorisch beklatschten Hits. Mit einer melodisch simplen Eingänglichkeit, die Jarre in die Nähe von Richard Clayderman und Georghe Zamfir rückt, die er quasi elektronisch updatet.

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