Tausende Besucher im Szene-Stadtteil

Ruf des Rotlichts: So war die Bahnhofsviertelnacht

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Party bei der Bahnhofsviertelnacht.

Frankfurt - Schillernd, verrucht, szenig - das Frankfurter Bahnhofsviertel hat viele Gesichter. Einmal im Jahr zieht die Bahnhofsviertelnacht Tausende Besucher in den Szene- und Rotlicht-Stadtteil.

Strapse, Plateauschuhe, schummrig-rote Beleuchtung - die rumänische Prostituierte in einem Bordell in der Frankfurter Taunusstraße ist fürs Gewerbe angezogen. Doch in der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht kommen die Besucher wirklich nur zum Gucken in das Laufhaus, das schon seit Tagen Schlagzeilen macht. Kritiker bemängeln eine Marketingbroschüre, in der auch die Adressen zweier Bordelle als Sightseeing-Tipp veröffentlicht waren. Mittlerweile ist die Broschüre zurückgezogen, der Text wird überarbeitet. Am Lockruf des Rotlichts ändert das gestern allerdings nichts. Für die Frauen, die dem Andrang nicht-zahlender Besucher bewältigen müssen, vermutlich ein zweifelhaftes Vergnügen.

Vor Bordell und Strip-Clubs bilden sich lange Schlangen. Bereits früh am Abend sind Bordellführungen nur für Frauen, angeboten von der Prostituierten-Selbsthilfeorganisation Dona Carmen, ausgebucht. "Da warteten 300 bis 400 Leute", sagt Gerhard Walentowitz, eines der Vorstandsmitglieder. Voyeuristisch seien die meisten Interessenten nicht, meint er. "Die meisten wollen das einfach mal sehen und erfahren, was das für Frauen sind, wie ihr Leben aussieht." Für den Verein sei wichtig, dass Touren dieser Art nicht zu einem "Menschen-Zoo" ausarten, sondern dass mit den Frauen aus dem Gewerbe gesprochen wird als nur über sie. Unter denjenigen, die eine Teilnahme an der Tour ergattert haben, sind Studentinnen und Hausfrauen. "Ein bisschen Neugier ist da schon, man liest ja sonst immer nur von dieser Welt und weiß doch nichts darüber", sagt eine etwa 50-jährige Tourteilnehmerin.

In der lauen Spätsommernacht flackert Rotlicht von den Fassaden der Nachtlokale. Doch nicht alle wollen nur einen Blick ins Milieu werfen - die Kaiserstraße wirkt stellenweise wie eine einzige Open-Air-Kneipe. Einige Banker der benachbarten Bürotürme sind offenbar gleich nach der Arbeit vorbeigekommen, flanieren nun mit Bierflasche oder Streetfood. Tausende feiern eine Straßenparty, auch wenn das Musikangebot nach Lärmkritik in der Vergangenheit überschaubar bleibt. Die Szenekneipen im Viertel sind gut gefüllt. Salsa-Schnupperkurse und Swing kommen gut an bei den Besuchern. Überschaubarer ist der Andrang bei der Diakonie oder der Bahnhofsmission, die auf die sozialen Brennpunkte des Viertels hinweisen, auf Junkie-Elend und Obdachlosigkeit.

Bilder: Der Ruf des Rotlichts

Ein junger Vater hält sein schlafendes Baby im Arm. "Wir sind vor allem gekommen, um die Galerien hier im Stadtteil zu sehen", sagt er, während seine Frau den Kinderwagen durchs Gedränge schiebt. Künstler haben in den vergangenen Jahren Einzug im Kiez gehalten. Das Viertel ist im Wandel. Nicht nur die Preislisten mancher Restaurants, auch Neubauten im hochpreisigen Segment zeigen: Die Gentrifizierung macht vor dem Bahnhofsviertel nicht halt. dpa

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