Es gibt eine Menge zu testen: Wehleidigkeit, Intelligenz, Grenzen

Ausstellung: Sch(m)erzhafter Spieltrieb

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Kopf im Rechner, Rechner im Kopf: „Facebox“ ist der ironische Gegenentwurf zum sozialen Netzwerk Facebook. Hier kommen sich Fremde und Freunde Auge in Auge so richtig nahe.

Frankfurt - Museum für Mutige: Die Ausstellung „No Pain No Game“ des Künstler-Duos //////////fur//// ist nichts für Spielverderber, nichts für starre Kunstwerkgucker. Sondern für Zähnezusammenbeißer und Mitanpacker. Von Eva-Maria Lill

Die zehn Exponate rund um Digitales im Museum für Kommunikation gehen bisweilen buchstäblich über die Schmerzgrenze und sind – ganz nebenbei – sogar richtig politisch. Die Knie weich, der Bauch ganz flau, die Hände schwitzig. Angst ist normalerweise ein seltener Besucher im Museum. Doch bei „No Pain No Game“ lunst der alte Affe gern mal über die Schulter. Sowieso ist einiges anders, wenn das Künstlerduo //////////fur//// im Museum für Kommunikation ausstellt. Wobei „Ausstellung“ ohnehin das falsche Wort für das ist, was Volker Morawe und Tilman Reiff da ab heute an geballtem Witz und Einfallsreichtum auffahren. Passender wäre sowas wie Versuchslabor für Mutige, die viel über sich und ihre Beziehung zur digitalen Welt lernen wollen. Frei nach der Weisheit: Das Spiel zeigt den Charakter.

Bei „No Pain No Game“ wecken zehn Exponate das Kind im Besucher. Angucken bringt nichts, nur wer mitmacht, wird schlauer. Kunst ist normalerweise eine eher stille Angelegenheit. //////////fur//// klingt anders. Klingt nach Spielhalle, nach Knopfgedrücke und Technobass. Musik pocht aus den Boxen, ab und zu kriecht ein helles Pling aus den Maschinen. An zwei Exponaten müssen Besucher singen, damit sich was bewegt. Die Skala reicht von Opernflair bis Katzenjammer. Irgendwo hinten prügeln Jungs auf einen Boxsack, der sie mit tiefer Stimme anfeuert. Ziel beim „Soundslam“ ist es, einen festgelegten Rhythmus nachzuhauen. Wer’s gut macht, darf als Belohnung zu „Eye of the Tiger“ in allerbester „Rocky“-Manier auf die Sensoren dreschen.

„Painstation“ heißt die bekannteste Arbeit des Künstlerduos //////////fur////. Bei einer Partie „Pong“ kommt’s auf Geschicklichkeit an. Wer nicht schnell genug reagiert, wird mit Hitze, Strom, Peitsche bestraft. Das tut weh, macht aber trotzdem Laune.

Das Goethe-Institut bat Morawe und Reiff, „No Pain No Game“ für das europaweite Projekt „SPIELTRIEB!“ zusammenzustellen. Die Mitmach-Ausstellung wanderte bereits durch Deutschland und angrenzende Länder, bevor sie nun in Frankfurt lockt. Direktor Helmut Gold ist ganz begeistert und nimmt gleich mal denjenigen den Strom aus den Schaltkreisen, die meinen, so eine Spielwiese hätte im Kunstraum nichts verloren: „Spielen ist Kommunikation in Reinform“, sagt der Museums-Chef.

Künstler Volker Morawe, 44, beige Altherrenkappe lässig zu Jeanshemd und roten Nike-Turnschuhen kombiniert, spricht mit der Begeisterung eines echten Liebhabers von seinen Ausstellungsstücken. Kein Wunder, er und Mit-//////////fur////-Gründer Reiff (43) lernten sich während des Studiums an der Kunsthochschule für Medien in Köln kennen. „Wir wollten die Schwelle bewusst niedrig halten, an der sich Menschen mit Kunst auseinandersetzen. Und spielen kann jeder“, sagt der ehemalige Weltraumelektroniker. „Wir suchen in unseren Werken nach neuen Interaktionsmöglichkeiten, beschäftigen uns mit der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.“

Gleich ihr Erstling, die „Painstation“ ist legendär und wurde mit internationalen Preisen überhäuft, stand schon im Museum of Modern Art in New York und weiteren renommierten Häusern. Das unscheinbare Gerät hat es in sich. Entwickelt 2001 zu einer Zeit, in der Videogames gerade prominent in der Kritik standen, bestraft „Painstation“ den Nutzer bei Versagen mit Schmerz. Ein Kommentar zur „Killerspiel“-Debatte. „In Ego-Shootern töten Gamer hunderte virtuelle Gestalten, ohne Konsequenzen zu spüren. Bei uns schlägt das Spiel zurück“, erläutert Morawe. Grundlage ist der Game-Dinosaurier „Pong“ aus dem Jahre 1972. Ironisch, weil gerade das virtuelle Tennis selbst hartgesottensten Verteuflern wohl kaum Anlass zum Zeigefinger bietet. Aber: „Painstation“ tut weh. Und zwar so richtig. Hitze, Stromschläge und eine Minipeitsche sorgen für rote Handrücken. Wer’s nicht mehr aushält, verliert.

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Ähnlich revolutionär – aber weniger schmerzhaft – interpretieren die Künstler auch andere Game-Klassiker. Etwa „Snake“, das sich vor einigen Jahren auf jedem Nokia-Handy schlängelte. Im Museum für Kommunikation wandelt sich der entspannte Tasten-Titel zu einem wilden Fitnessprogramm für zwei Besucher. Auch ein „First-Person-Pinball“ wartet aufs Ausprobieren, eine Mischung aus Flipper, Virtual Reality und Ego-Shooter. Doch nicht nur Videospiele werden bei /////////fur//// zitiert und poliert. Die „Facebox“ etwa zwingt zwei Menschen im Abstand von nur 30 Zentimetern zur Konversation. Ungewohnt und sogar unangenehm in der Ära des „entkörperten Internets und den sozialen Netzwerken“, sagt Morawe. 

„No Pain No Game“ ist Spielwiese, Kommentar, Augenzwinkern und unbedingt ausprobierenswertes Museum für Abenteurer. „No Pain No Game“ bis zum 5. März im Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, Di.-Fr.: 9-18 Uhr, Sa. und So.: 11-19 Uhr.

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