„Athen. Triumph der Bilder“ im Frankfurter Liebieghaus

Spaziergang durch goldenes Zeitalter

Frankfurt -  Die Athener Hochklassik im Zeitalter des Perikles hat unser Bild der Antike maßgeblich beeinflusst. Das Frankfurter Liebieghaus gibt jetzt einen umfassenden Einblick in die Epoche. Von Reinhold Gries 

Der experimentelle und rekonstruierende Nachguss einer Bronzestatue des Erechtheus entstammt einer Figurengruppe der Athener Akropolis.

Besuchern wird beim Begehen der dicht inszenierten Ausstellung „Athen. Triumph der Bilder“ einiges abverlangt. In zwölf Räumen nach den zwölf Monaten des attischen Kalenders wird der gesamte Mythos und Staatskult des hochklassischen Athen ausgebreitet. Die dunklen Wände sind übersät mit „Kontextpanoramen“ zu den gezeigten Skulpturen-Gruppen, die zuweilen wie Tafelzeichnungen eines Griechisch-Lehrers wirken. Man hat keine Mühen gescheut, staatsbildende Mythologien um die Stadtgöttin Athena mit der Forschungsarbeit des Hauses zu verknüpfen.

An der Vasenmalerei auf schwarz- und rotfigurigen Amphoren, auf Weinmischgefäßen, an Originalstatuen, römischen Kopien sowie Abgüssen, auch an Reliefs oder freistehenden Standbildern ist unschwer zu erkennen: Alles drehte sich in der Goldenen Zeit Athens als führender Stadtstaat des 5. Jahrhundert v.Chr. um Athena, ihren Erden-Sohn Erechtheus und damit verknüpfte Göttergeschichten um Liebe, Sehnsucht, Gewalt, Tod und Versöhnung.

Der geniale Staatsmann Perikles und sein hochbegabter Generalintendant Phidias – ihm ist ein strahlend heller dreizehnter Raum als Bildhaueratelier gewidmet – bauten Athen in monumentaler Art auf, nachdem die Stadt durch die Perser 480/490 v. Chr. dem Erdboden gleichgemacht worden war. Nicht nur die Tempel der Akropolis, die ganze Stadt mit ihren farbig gefassten Skulpturen, glichen einem einzigen Bildprogramm zum Athena-Mythos, der unsere Vorstellung vom klassischen Griechenland bis heute prägt.

Damit leistet das Liebieghaus Aufklärungsarbeit, denn attische Mythen sind weniger bekannt als Homers Troja-Epen. Das Haupt-„Märchen“ dreht sich um Lebensschilderung der kriegerischen Jungfrau Athena, die sich in hartem Kampf über Poseidon als Stadtgottheit durchsetzte. Das führte zu Racheakten des Meeresgottes, der gar mit seinem Sohn Eumopolos blutigen Krieg gegen die Polis führte.

Diesen Krieg gewann Athen erst, als König Erechtheus, der „Sohn“ Athenas, seine Töchter opferte und von Poseidons Dreizack vernichtet wurde. So kam es zur Versöhnung in Form der Liebesgöttin Aphrodite, Poseidon wurde feierlich auf der Akropolis aufgenommen.

Wie grausam es dabei zuging, zeigt Raum elf („Thargelius“) zu Erechtheus’ Opfertod als reinigender Katharsis. Beim zugehörigen Fest wurden menschliche Sündenböcke durch die Stadt getrieben und gegeißelt. Sie nahmen damit den Fluch der Bevölkerung auf sich, wurden schließlich am Meer gesteinigt und verbrannt.

Athens figuratives Kalendarium beginnt jedoch nach der Sommersonnenwende mit „Hekatombaion“. Da wurde die Geburt Athenas aus dem Kopf des Zeus gefeiert – Schmiedegott Hephaistos musste für diese Kopfgeburt zur Axt greifen. Dann geht es um die „Zeugung“ des Erechtheus, als während einer erotischen Begegnung Athenas mit Hephaistos dessen Samen im Wollknäuel zu Boden fiel, wo Erdgöttin Gaia nur darauf wartete.

Von Geburt, Jugend, Ehe und Vaterschaft des Erechtheus bis zur „Auferstehung“ des Athena-Sohnes als unsterbliche Burgschlange wird der Bogen gespannt, für deren Entschlüsselung und Visualisierung Experten Jahre gebraucht haben. Bei so viel Aufklärung wird es für manche Glanzstücke ein wenig eng: die Louvre-Marmorstatue Athenas mit im Korb verstecktem Kind, die Marmor-Statue der Göttermutter „Hera Borghese“ aus dem Vatikan, Kriegsgott Ares aus der Münchener Glyptothek, Marmorporträts von Perikles, Phidias und Euripides, die Bronzestatuette des Poseidon oder die magischen Rekonstruktionen der Bronzestatuen „Riace A und B“.

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Da hat der helle abschließende 13. Raum mit Masterplan-Modellen zur Architektur und Planung des hochklassischen Athen auch etwas Befreiendes. Er steht für die Zeit, als Perikles Athen zur kulturellen Hauptstadt des antiken Europas machte und die größten Denker und Künstler der Zeit gewann. Das war auch Ergebnis geschickter Finanzpolitik, bei der Perikles Mittel des attisch-delischen Verteidigungsbundes für kulturelle Zwecke „umleitete“.

„Athen. Triumph der Bilder“ bis 4. September im Liebieghaus Frankfurt, Schaumainkai 71. Öffnungszeiten: Dienstag und Mittwoch sowie Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag von 10 bis 21 Uhr.

Rubriklistenbild: © Liebieghaus Skulpturensammlung

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