Reibeisenstimme, alte Hits, aber leider wenig Leidenschaft

Sting in Wiesbaden: Zurück zur Police-Zeit

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Das Drumherum stimmte: Der britische Rock-Musiker und Ex-Frontmann der Band „The Police“ sorgte beim Publikum auf dem Bowling Green vor dem Wiesbadener Kurhaus für gute Stimmung.

Wiesbaden - Der Späthipster-Bart ist ab und der gute alte Sound noch einmal reanimiert. Sting, der ewige „Englishman in New York“ hat sich auf seiner Sommer-Tour 2016 wieder mal der seligen Police-Zeiten erinnert. Auf dem Wiesbadener Bowling Green haben sich 14 500 begeisterungswillige Fans versammelt. Von Peter H. Müller 

Was soll man sagen nach diesem Gig, der einen zum frühen Ende – nach einer zweifelsfrei wunderbar ätherischen Version von „Fragile“ – doch mit einem ambivalenten Gefühl zurücklässt? Vielleicht das Positive vorweg. Der Rahmen ist geradezu perfekt. Gepflegtes Sonntagswetter, ausverkauftes Bowling Green, Hunderte entspannter Zaungäste draußen. Dann ist da noch Sting-Sohnemann Joe, der im Vorprogramm seine Songwriter-Ambitionen formuliert – und vom Papa immerhin eine Portion Reibeisenstimme geerbt hat. Womit wir also bei Gordon Mathew Thomas Sumner alias Sting wären, der seinen Fans in der letzten Dekade doch eine ganze Reihe musikalischer Rätsel aufgetischt hat. „Every Breath You Take“ (1984), sein Grammy-prämierter Evergreen, den er unter frenetischem Jubel seinem Publikum als Opener präsentiert, gehört sicher nicht in diese Kategorie.

Aber: Nach mittelalterlicher Lautenmusik von John Dowland („Songs From The Labyrinth“), elegischen Schneemann-Weihnachtsweisen („If On A Winter´s Night“), symphonischem Hit-Recycling („Symphonicities“) und dem wenig erfolgreichen Broadway-Musicalprojekt „The Last Ship“– alles in der letzten Dekade – musste man schon gespannt sein, was der gelegentlich eigenwillige Brite auf die Agenda gesetzt hat. Auch das ist schnell erzählt: Alte Police-Songs, von „Invisble Sun“ und „Every Little Thing She Does Is Magic“ (beide aus 1981) über „Message In A Bottle“ (1979) bis zur unvermeidlichen „Roxanne“ (1978), die der Maestro mit Bill Withers Oldie „Ain´t No Sunshine“ verschachtelt.

Dazu seine ebenfalls nicht mehr taufrischen Solo-Hits der Marke „Fields Of Gold“ oder „When We Dance“ und zwei Cover-Songs: „Dancing With The Moonlight Knight“ (Genesis) und das sperrige „Shock The Monkey“ von Peter Gabriel, mit dem er gerade auf einer Nordamerika-Tournee war. Überhaupt ist der Sting-Terminkalender prall gefüllt: Rom, Florenz, Mailand letzte Woche, am Sonntag Wiesbaden, gestern auf der Berliner Waldbühne und heute in Sopot/Polen – vielleicht eine Erklärung dafür, dass er diese leidenschaftlichen Rock-Songs mit vergleichsweise wenig Leidenschaft abarbeitet.

So heißen die Stars wirklich

Andererseits: Sting war nie der überragende Entertainer. Und man muss eigentlich schon allein darüber glücklich sein, dass er all dieses verkopfte Nischenzeugs inzwischen abgehakt und wieder die Rock-Pop-Route eingeschlagen hat. Böse englische Medien wiederum kolportieren dazu, seine angeschlagenen Finanzen hätten einen erklecklichen Anteil an dieser Art der Rückbesinnung. Wie dem auch sei, man kann, Elton John hat es kürzlich in der Festhalle vorgeführt, auch ein Best-of so energetisch auf die Rampe bringen, dass jeder Song klingt, als sei er das letzte Mal zu hören.

Sting, mit den langjährigen Band-Kumpels Dominic Miller (Gitarre), Vinnie Colaiuta (Drums), Routinier David Sancious (Keys), Fiddler Peter Tickell, der Backvocal-Elfe Jo Lawry und dem Kölner Percussionisten Rhani Krija angetreten, schafft das an diesem Abend nicht. Leider. Es ist ein Konzert mit ganz kurzer Halbwertszeit. Leider. Was bleibt? Die Erinnerung an eine tolle Atmosphäre – und die Hoffnung auf „57th & 9th“. So heißt das neue Sting-Werk, das im November erscheinen soll. Es wird, wohlan, das erste „echte“ Studio-Album seit „Sacred Love“ aus dem Jahre 2003.

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