Warum der RMV an seine Grenzen stößt

Struktur des Nahverkehrs völlig veraltet

+
Während der erneuten Tunnelsperrung werden unter anderem Schienen abgefräst oder geschliffen sowie auf 1,2 Kilometern Länge komplett erneuert. Allerdings steigert die Sanierung der Tunneltechnik nur die Belastbarkeit der Verkehrssteuerung, nicht die Leistungsfähigkeit des Tunnels.

Frankfurt - In den Osterferien vom 27. März bis zum 11. April ist der Frankfurter S-Bahntunnel erneut nur für Bauarbeiter geöffnet. Rund um die Uhr werden Signale montiert und Kabel angeschlossen, für S-Bahnen ist der Tunnel komplett gesperrt.

Im vergangenen Jahr war der Tunnel während der Sommerferien dicht. In den nächsten Sommerferien ist die dritte Vollsperrung geplant. Dann sollen die unterirdischen S-Bahnstationen Haupt- und Konstablerwache saniert und modernisiert werden. Aber Bus und Bahn stoßen auch in Frankfurt an ihre Grenzen. Wir erklären die Hintergründe.

Wie viele Menschen sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Rhein-Main-Gebiet unterwegs? 

Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) befördert täglich 2,5 Millionen Fahrgäste, allein mit den S-Bahnen eine halbe Million. Im Verbundgebiet zwischen Mainz und Hanau, Darmstadt und Gießen leben fünf Millionen Menschen. Im vergangenen Jahr wurden 722 Millionen Fahrgäste gezählt, gegenüber 2014 ein Plus von sieben Millionen. Die Statistik listet „Beförderungsfälle“ auf, das heißt, wenn Menschen mehrmals täglich fahren, werden sie auch mehrmals gezählt.

Wie sehen die Prognosen aus? 

Die Zahlen zeigen weiter nach oben. Prognosen gingen von einem Wachstum des Gesamtverkehrs um acht Prozent und der Pendlerzahlen um zwölf Prozent in den nächsten Jahren aus, sagte RMV-Geschäftsführer Knut Ringat vor einem Jahr. Alles konzentriere sich auf die Ballungsräume.

Reicht für den Zuwachs die Kapazität des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV)? 

„Das System ist schon mehr oder weniger ausgereizt“, sagt Verkehrswissenschaftler Josef Becker von der Frankfurt University of Applied Sciences. Das gelte vor allem für das S-Bahnnetz, das vielfach als Rückgrat des Nahverkehrs in Frankfurt bezeichnet werde. „Im Prinzip haben wir die Infrastruktur von vor 40 Jahren, die den heutigen Bedürfnissen nur noch bedingt gerecht wird.“

Wo ist der größte Engpass? 

Lesen Sie dazu auch:

S-Bahn-Tunnelbau hat Auswirkungen für Offenbacher Pendler

Der S-Bahntunnel unter der City, gebaut in den 1970er Jahren, gilt als Nadelöhr. Die 6,4 Kilometer lange Tunnelstrecke zwischen dem Hauptbahnhof im Westen über die Stationen Hauptwache und Konstablerwache im Zentrum bis nach Frankfurt-Mühlberg im Süden ist eine der meistbefahrenen Bahnstrecken in Deutschland. Acht der neun S-Bahnlinien fahren durch die Röhre. Sie bringen Pendler im Minutentakt aus allen Richtungen in die Stadt und sind auch innerstädtisch eine schnelle Verbindung. Zwar wurden neue Fahrzeuge angeschafft, aber sie sind in der Länge begrenzt, und Doppelstockzüge passen nicht in den Tunnel. 2018 soll ein elektronisches Stellwerk das alte aus dem Jahr 1978 ersetzen. Es wird aber an der Kapazität nichts ändern.

Beispiele aus dem neuen RMV-Preissystem

Was könnte Entlastung bringen? 

Der Ausbau der Zulaufstrecken zum Frankfurter Hauptbahnhof hin könne helfen. „Dann kann zwar keine zusätzliche S-Bahn durch den Tunnel fahren, aber man kann neue Regionalbahnangebote machen, die dann gezielt entlasten“, sagt Becker. Vor allem Bahnen aus Westen seien bis zum Hauptbahnhof regelmäßig sehr voll, dort stiegen viele Menschen aus.

Gibt es Planungen für zusätzliche Regionalverbindungen? 

Mehrere Strecken sind in der Planung. So soll die nordmainische S-Bahn den Osten besser an die Frankfurter City anbinden, eine Westtangente soll an der City vorbei zum Flughafen und nach Südhessen führen. Beide Projekte sind in einem frühen Stadium. Am weitesten fortgeschritten ist die Verbindung zum Büroviertel „Gateway Gardens“ am Flughafen, die 2019 fertig sein soll.

Gibt es Alternativen? 

Der ÖPNV sei gerade in Ballungsgebieten unersetzlich, sagt Verkehrsforscher Becker. „Letztlich brauchen wir ein ausdifferenziertes System, in dem der Individualverkehr, der ÖPNV und alle Verkehrsträger zusammenwirken.“

Kann mehr Fahrradverkehr Entlastung bringen? 

Für kurze Entfernungen könnte das Fahrrad den Verkehrsmix ergänzen, nicht aber im Regionalverkehr, meint Becker. Ebenso wenig wie das Auto sei das Fahrrad ein Ersatz für Busse und Bahnen. Und auch auf Zweiräder seien die Verkehrswege überhaupt nicht eingerichtet. Die Verkehrsplanung sei immer noch auf dem Stand der 60er und 70er Jahre, sagt der Unfallforscher Siegfried Brockmann.

dpa

Kommentare