Demokratie, Toleranz, Integration als Themen

Stück „Safe Places“ sucht nach Orientierung in komplexer Welt

+
Wo ist es hier sicher? In „Safe Places“ im Frankfurter Schauspiel hadern die Schauspieler mit dem aktuellen Weltgeschehen.

Frankfurt - Die Klischees schlagen munter Purzelbäume: „Safe Places“ von Autoren- Regisseur Falk Richter und der flämischen Choreografin Anouk van Dijk feierte am Wochenende am Frankfurter Schauspiel Premiere. Von Stefan Michalzik

Da sitzen zwei Paare und reden, wie am Küchentisch oder in der Kneipe. Man müsse doch, sagt jemand, für unsere Werte eintreten. Welche, höhnt ein anderer, sollen das denn sein? Steuerhinterziehung? Haben wir eine Demokratie in Bayern, wo seit Republikgedenken die gleiche Partei regiert? Toleranz? Integration? Wie integrieren wir denn die neue rechtsradikale Front? Das reine Gutmenschentum, sagt eine der Frauen, führe nicht weiter. Sind unsere deutschen Männer, fragt sie, überhaupt noch imstande, uns vor Übergriffen von Flüchtlingen zu bewahren und mal kräftig zuzuschlagen? Wo sie doch nur noch Yoga machen und vegane Kochkurse besuchen.

Es ist nicht der sprichwörtliche Stammtisch, der da debattiert, es ist der liberal gesinnte Teil der Mittelschicht. Es sind die Errungenschaften der offenen, pluralistisch-toleranten Gesellschaft, um deren Bestand sich diese mitteljungen Leute sorgen. Es geht um das Ringen um Orientierung in einer verwirrend komplexen Weltsituation – davon handelt dieser ganze Abend.

Die Intimität eines Kammerspiels schneiden Richter und van Dijk parallel mit den Bildern eines Tanzensembles in dem hallenweiten, von Katrin Hoffmann mit einem Grashügel und ein paar Birken bepflanzten Raum. Tanzsprachlich ist das zeitgenössische Massenware. Schadet aber nichts, die kantige Rasanz verschafft dem Text einen visuellen Hallraum.

Im Kapitel „Festung Europa“ gibt Constanze Becker ein umfängliches Register der kulturellen und zivilisatorischen Erfolge wie der historischen und gegenwärtigen Schandtaten des Kontinents, von der Aufklärung bis zu Auschwitz und den Kriegen, die längst nicht mehr auf dem eigenen Territorium geführt werden. Zum Schluss lässt sie das ins Groteske kippen. Mit einem gesteigerten kabarettistischen Furor zählt sie eine irrwitzige Menge von mini klein ausdifferenzierten Brotsorten auf; die Zugezogenen, keift sie pointiert, mögen sich doch bitteschön mit unserer einzigartigen Brotkultur auseinandersetzen! Viel Heiterkeit, Szenenapplaus.

Mit dem unseligen Treiben der „Wir sind das Volk“-Eiferer in den Internetforen beschäftigt sich Paula Hans im Kapitel „Firewall“. Irgendwann tauchen – fiktionale –Flüchtlinge auf, sie künden in fremden Sprachen von ihrem Martyrium. Der Europäer in der Gestalt von Marc Oliver Schulze hat sich derweil in einem Bunker aus Bürotischen verschanzt. Dann sprechen die international besetzten Tänzer von ihren Erfahrungen. Ein Israeli ist es leid, fortwährend auf die Politik seines Herkunftslandes angesprochen zu werden, wenn er in ein Taxi steigt, gibt er sich lieber als Italiener aus.

Wie werde ich...? Schauspielerin/Schauspieler

Der Schauspieler Nico Holonics schildert eine Erfahrung, die er mutmaßlich selbst in seiner Familie gemacht hat. Er steht allein auf der leeren Bühne und erzählt von einer Reise zu seiner Familie, der Großvater, Jahrgang 1927, Nazizeit und Krieg hat er erlebt, liegt im Sterben. Holonics muss erleben, wie seine Verwandten, die er ja liebt, sich plötzlich in pegidanahen Positionen einig sind. Er sei sich vorgekommen, wie wenn er in eine Sekte hineingeraten wäre. Der Großvater kann nicht mehr mitreden, es sind allein noch seine Blicke, die sprechen. Eure Generation, habe er früher gesagt, hat nur eine Aufgabe: zu verhindern, dass diese Menschen wieder an die Macht kommen. Diese Erzählung, die ziemlich viel Zeit braucht, packt einen regelrecht.

Ein großes Gesellschaftspanorama, Richter verwendet für seinen literarisch nicht besonders starken Text Passagen aus Robert Menasses Essaybuch „Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss“. Das ist Theater mit Popattitüde, es ist lustig, es ist plakativ, doch das stößt nicht unangenehm als platt auf. Es geht um etwas. Ähnliches probieren im Moment viele allüberall im Theater, hier gelingt es.

Nächste Vorstellungen: Morgen und Donnerstag, 19.30 Uhr, im Schauspiel Frankfurt, Karten unter 069/21249494 oder unter www.schauspielfrankfurt.de

Kommentare