Festival LiteraTurm in Frankfurt gestartet

Texte ohne Grenzen

Frankfurt - Spektakuläre Orte, die sonst nicht ohne weiteres zugänglich sind, als Forum für den literarischen Diskurs, ein erstrangiges Aufgebot an Schriftstellern: Von Stefan Michalzik 

Das von der Stadt biennal ausgerichtete Festival LiteraTurm in Frankfurt geht einen Mittelweg zwischen eventhafter Inszenierung und intellektuellem Anspruch – und ist insoweit selbst ein Beispiel für Entgrenzung, dem Thema für die diesjährige achte Auflage des Festivals. „Der entgrenzte Text“ soll an den elf Festivaltagen an verschiedenen Orten – den namensgebenden Hochhaustürmen sowie einer Reihe von Institutionen wie dem Literaturhaus und Theatern – im Fokus stehen. Dabei soll die wechselseitige Beeinflussung von Literatur und anderen Künsten wie Film, Musik, Theater, Tanz und Bildende Kunst erforscht werden.

Entgrenzung, aber eben auch Grenzen und Flucht – in dieser Weise haben beim „Lesungskonzert“ zur Eröffnung am Mittwochabend im Kaisersaal die Romanautorin Katharina Hacker und Lyrikerin und Essayistin Monika Rinck den Faden literarisch aufgenommen. Der Pianist und Komponist Hermann Kretzschmar hat gemeinsam mit seinen Musikerkollegen vom Ensemble Modern musikalisch auf ihre Texte reagiert.

Das Verhältnis von Hacker und Rinck ist das von Antipodinnen. Immer wieder bezieht sich Rinck in ihren Gedichten auf die Theorie, sie zitiert Kants Ideen zu Erkenntnis und Vernunft sowie Marx’ These vom Kapitalismus; es lässt sich mithin von Diskurslyrik sprechen. Die Prosa von Katharina Hacker indes beruht in einer klassischen Weise auf Erfahrung und Erinnerung, unter anderem erzählt sie eine Geschichte von Flucht und Vertreibung mit Fokus auf die geschundenen Füße. Während Rinck forsch nach vorne weggeht, ist der Vortrag Hackers eher introvertiert und beschaulich. Das grüne Leselämpchen, das sie vor sich hat, gibt in seiner Heimeligkeit ein treffendes Bild dazu. Aufregend mag das nicht sein, auch das ist aber eben eine Form des persönlichen Ausdrucks – und die Musik reißt im Zweifel alles heraus.

Strikt vermeidet Hermann Kretzschmar eine platte Korrespondenz zum Text. In einem assoziativen Verfahren behauptet die formbewusst zitatreiche Musik ihre Eigenständigkeit. Ein polystilistisches Bild ergibt sich durch die Arrangements der Werke vorwiegend früher Modernisten wie Edison Denissow, Albert Roussel und Erik Satie sowie eigenen Kompositionen. Kretzschmar überträgt Fugen und Kanons in einen zeitgenössischen Zusammenhang; auch der einstige Neuerer und auf der Schwelle zur Klassik stehende Carl Philipp Emanuel Bach klingt heutig.

Ungeachtet der Menge kurzer Einzelteile, steten Wechsels zwischen mannigfacher Kammermusik, Solostücken etwa für Harfe oder Trompete und Ensemblestücken, erschließt sich ein allüberspannender Bogen. Ein fulminantes Hörstück, man fühlt sich erinnert an eine jüngere Tendenz des Hörspiels. Die Texte – zum Teil literarisch nicht recht ausgegoren. Die Musik: eine Offenbarung.

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