Selbst Zuhörer zwitschern mit

Die große Show des hr-Sinfonieorchesters

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Dann ging auch noch der Mond auf: Andrés Orozco-Estrada und die hr-Sinfoniker sorgten mit Musik aus der „West Side Story“ für einen finalen Höhepunkt.

Frankfurt - Bilderbuchwetter, etwa 20. 000 Hör- und Schaulustige und ein packendes Konzertprogramm mit zeitgenössischem Akzent: Beim Open Air des hr-Sinfonieorchesters hat wieder einmal alles gestimmt. Von Klaus Ackermannn 

Vor der Frankfurter Skyline gab’s eine „Reise durch Amerika“, bei der sogar das Publikum auf 2 000 Vogelpfeifen zwitschernd in Fahrt kam. Animiert vom Orchesterchef Andrés Orozco-Estrada, der sich nicht nur am Dirigierpult, sondern auch moderierend als gewiefter Showman auswies. Schon eine Stunde vor Konzertbeginn werden die Eingangstore zum Mainvorgelände geschlossen, das von etwa 12 000 Besuchern besetzt, bestanden und belegt ist, die, mit Picknickkörben bewaffnet, es sich vor der Weseler Werft bequem machen. Riesige Lautsprecherboxen sorgen auch bei den etwa 8 000 Zuschauern am gegenüberliegenden Mainufer für musikalischen Genuss. Partystimmung auf den Balkons der umliegenden Häuser, da gehen es selbst die Ruderer auf dem Main um des guten Tons willen etwas gemächlicher an.

Den haben die hr-Sinfoniker nicht nur zum Auftakt gepachtet. In den schönen Stellen und hart angerissenen Rhythmen von Samuel Barbers „The School of Scandal“-Ouvertüre, erstes Orchesterwerk des US-Komponisten, der mit seinem „Adagio for Strings“ weltberühmt wurde. Beim effektvollen Finale scheint der Hall vom Wolkenkratzer der Europäischen Zentralbank zurückgeworfen, bislang freilich keine „School of Scandal“. Konzertante Hochkonjunktur hat in diesem Konzertjahr George Gershwins „Rhapsody in Blue“, hier mit dem Dominikaner Michel Camilo, ein als Jazzer mehrfach preisgekrönter Pianist, der sich so vehement in Szene setzt, dass man ihm die kleinen technischen Schludrigkeiten gern verzeiht. Und der im zugegebenen, vom hr-Orchester schwungvoll begleiteten „Tropical Jam“ sich auch improvisatorisch ins Zeug legt.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Wie man dem Open-Air-Publikum ein klanglich zwischen Wagner-Weihe und Sirenengeheul durchaus sperriges zeitgenössisches Werk schmackhaft macht, führt der Chefdirigent in „America salvaje“ (Das wilde Amerika) des Peruaners Jimmy Lopez vor. Rhythmisch mit Schmackes gespielt, zwitschern die Zuhörer stellenweise mit – und feiern am Ende auch ein wenig sich selbst. Milder im modernen Tonfall sind die vier Tänze aus dem Ballett „Estancia“ des Argentiniers Alberto Ginastera (1916-1983), der die Hörner swingen lässt und dessen klangliches Raffinement Orozco-Estrada genussvoll ausbreitet. Der mit den Symphonischen Tänzen aus Bernsteins „West Side Story“ sein Meisterstück open air liefert, die Evergreens des „Romeo und Julia“-Musicals in feinem Sentiment und die Tanznummern mit erstaunlichem orchestralen Drive. Dann geht auch noch der Mond über der Weseler Werft auf …

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