„Wir sind das Volk!“

Frankfurt - Irgendwann ist es soweit, und die Pfeife fliegt vom brodelnden Teekessel. Es passiert, als die Sprecherin des Bündnisses der Bürgerinitiativen gegen den Ausbau und für ein Nachtflugverbot, Ingrid Kopp, die zahlreichen Auflagen für die Demonstration vorliest. Von Michael Eschenauer

Sie ist gerade fertig mit dem Verbot von Trillerpfeifen, Presslufthupen und Megaphonen, die eine Lautstärke von 75 Dezibel überschreiten und damit lauter wären als die Lautsprecher in der Abflughalle B auf dem Frankfurter Flughafen. Als sie zu der Stelle kommt, wo die Polizei festlegt, dass pro 50 Demonstranten ein volljähriger Ordner mit Armbinde und Personalausweis gestellt werden muss, beginnt das Rufen: „Auflagen für uns? Wo sind die Auflagen für Fraport? Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“ Erst ist es nur eine Stimme, dann viele, und schließlich hallt die gesamte Abflughalle wieder.

Da stehen sie, die 3500 bis 4000 Menschen und machen ihrer Wut über und ihrer Angst vor dem fremden Lärm mit eigenem Lärm Luft. Es sind junge Familien, bei denen der kleine Sohn ein Plakat um den Hals trägt mit der Aufschrift „ich will schlafen“. Es sind wohlsituierte reife Damen mit teuren Brillen, Alt-Protestler mit Schal und Fusselbart, jungdynamisch wirkende Geschäftsleute mit i-pad und Aktentasche, Alte im Rollstuhl und brave Rentnerpaare, die noch nie ein Plakat in die Luft gehalten haben. Jetzt fürchten sie, nie mehr auf der Terrasse mit ihren Enkeln Eis essen zu können, ohne einen Gehörschaden zu riskieren. „Wir sind todunglückliche Bürger, deren Lebensqualität vernichtet wird“, sagt Giesela (63) aus Hochheim. Hinter ihr schwenkt einer ein Plakat mit der Aufschrift „Stille Nacht, heilige Nacht. Wer hat uns um den Schlaf gebracht? Wähl’ keine FDP, Grüne, SPD oder CDU - und schlaf in himmlischer Ruh’“. Die Leute hier glauben niemandem mehr.

„Wir sind heute mehr Demonstranten, auch wenn wir weniger Lärm machen“

„Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“ Ob die gestern Abend zum vierten Mal stattfindende Demonstration so weit tragen wird wie das große Vorbild, weiß keiner. Klar ist, dass der Druck zunimmt. Letzte Woche kamen 2500 zum 18-Uhr-Protest. „Wir sind heute mehr Demonstranten, auch wenn wir weniger Lärm machen“, sagt Aktivist Issy Oswald. Im Vorfeld hatte sich die Fraport AG gesorgt, dass ihre Ansagen über Lautsprecher nicht mehr verstanden würden, wenn die Protestler zu viel Lärm produzierten. Der Krachmacher hat Angst vor Krach - Pfeifen und Wutgeheul sind programmiert.

„So, die Sicherheit und Funktionsfähigkeit des Flughafens darf nicht gefährdet werden?! Wer sorgt denn dafür, dass unsere Sicherheit und Funktionsfähigkeit nicht gefährdet wird?“, ruft Kopp ins Mikro. „Wir machen pro Woche eine Stunde Lärm, das sind 125 Stunden weniger als Fraport uns verlärmt“, schäumt die Aktivistin. Man werde so lange demonstrieren, „bis unsere Region wieder lebenswert ist“. Beifall, Kuhglockengebimmel, Ratschengetöse, Trillerpfeifen, sogar eine Fliegeralarm-Sirene haben sie mitgebracht.

„Ich habe Angst vor dem Frühling“

„Ich habe Angst vor dem Frühling“, sagt Susanne Wagner aus Flörsheim. Dann wollten ihre Kinder im Garten spielen. Doch das sei unmöglich angesichts des Lärms und der Schadstoffe von oben. In 250 Meter Höhe fliegen die über unser Haus, können Sie sich das vorstellen?“ Jetzt sei Käfighaltung angesagt. „Ich war systemgläubig. Ich habe an unser Staatssystem geglaubt. Das hat sich geändert“, sagt die Mutter eines 13 Monate alten Jungen und einer Fünfjährigen. Begleiterin Jennifer Bayer spricht von „unerträglichem Druck der uns umbringt“. „Das ist unsere Heimat, die geben wir nicht auf. In Frankfurt haben die ‘ne Umweltzone und bei uns kommen Dachziegel und manchmal sogar Öl runter.“ Bayer ist wie viele andere Protestteilnehmer überzeugt, dass die einzige Chance auf eine Verbesserung der Situation darin besteht, langfristig öffentlichen Druck zu machen.

In unserem Stadtgespräch finden Sie alles zum Flughafenausbau und Fluglärm

Klaus Bienert aus Rodgau glaubt allerdings nicht, noch unbegrenzt Zeit zu haben. Ich bin jetzt 70, wenn ich noch zehn Jahre demonstriere, lieg’ ich im Sarg. Es muss bald was passieren, sonst geh ich weg aus Rodgau. Irgendwann muss man mal schlafen.“

Rubriklistenbild: © Georg

Kommentare