Wohnungsnot und Wohntürme

Frankfurt baut – aber oft nur für Reiche

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Frankfurt wächst pro Jahr um 15 000 Menschen. Das ist gut für eine Kommune, schafft aber auch Probleme. Zum Beispiel steigen die Mieten, wenn der Wohnungsbau nicht Schritt halten kann. Dies führt oft zur Verdrängung von Normal- und Geringverdienern.

Frankfurt - Frankfurt debattiert über die Verdrängung Einkommensschwacher aus der Innenstadt. Dort werden derzeit luxuriöse Wohntürme gebaut. Die neue Römer-Koalition will jetzt gegensteuern - die Landtags- Opposition fordert dies auch für andere Kommunen. Von Thomas Maier 

In Frankfurt geht es mal wieder um Superlative: Im neuen Europaviertel am Messegelände soll Deutschlands höchster Wohn-Wolkenkratzer mit 172 Metern entstehen - mit schwindelerregenden Preisen bis zu 19 000 Euro pro Quadratmeter. Unweit davon ist auf dem „Kulturcampus“ bis 2019 ein weiterer Wohnturm von 140 Metern Höhe geplant - inklusive Hotel und 300 Luxusappartements. Das alte Uni-Gelände im Stadtteil Bockenheim wird pikanterweise derzeit von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG an Großinvestoren vermarktet. Das Unternehmen, mit 51.000 Wohnungen eine der größten Gesellschaften in Deutschland, kassiert derzeit für solche Projekte Prügel: Soziale Initiativen wollen, dass die ABG sich vor allem um den Bau von öffentlich gefördertem Wohnraum kümmert.

Vor der Kommunalwahl Anfang März hat auch Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ein Einfrieren der Mieten bei der ABG gefordert. Im Kampf für bezahlbaren Wohnraum sollte ein Zeichen gesetzt werden. Die schwarz-grüne Koalition ließ Feldmann aber wegen rechtlicher Bedenken abblitzen. Da künftig aber im Römer die SPD mitregiert, haben CDU und Grüne im neuen Koalitionsvertrag nachgegeben. Jetzt sollen die Mieten bei der ABG - nach eigenen Angaben versorgt sie etwa ein Viertel aller Frankfurter mit Wohnungen - in den kommenden fünf Jahren um nur je ein Prozent angehoben werden.

Für Kritiker ein richtiger Schritt - aber nicht genug. Die ABG müsse ausschließlich auf den Bau von öffentlich gefördertem Wohnraum verpflichtet werden, fordert Felix Wiegand, der am Institut für Humangeografie der Universität Frankfurt zum Thema Stadtentwicklung forscht. Derzeit liegt der Anteil des geförderten Wohnraums bei der ABG bei 40 Prozent.

Der Bau teurer Wohnungen in der Innenstadt setze auch traditionelle Viertel mit einkommensschwacher Bevölkerung stark unter Druck, sagt der Wissenschaftler. Dort werde dann ein Umfeld für Luxus-Modernisierungen und Verdrängungen geschaffen. Es geht zum Beispiel um den Gallus, zu dem auch das neue Europaviertel gehört. Oder das Bahnhofsviertel, das mit seinen hippen Clubs und prächtigen Gründerzeithäusern zu einem heißen Tipp weit über die Stadt hinaus geworden ist. So wird die Multi-Kulti-Ecke in der neuen Frankfurt-Ausgabe des Reisemagazins „Merian“ gerade als „Viertel von Welt“ gefeiert.

In deutschen Groß- und Unistädten ist diese Entwicklung unter dem Namen Gentrifizierung bekannt: Gutverdiener drängen in angesagte Viertel - und alles wird viel teurer. „Eine Aufwertung ist eigentlich etwas Wünschenswertes“, sagt Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats. „Wer eine hochpreisige Neubauwohnung bezieht, der nimmt keine aufgewertete Altbauwohnung in Anspruch“, verteidigt Gellert die Politik der Stadt. So werde Wohnraum für alle Einkommensgruppen geschaffen.

Die ABG will bis zum Jahr 2020 nach den Worten Gellerts 2,1 Milliarden Euro in der Stadt investieren. Bei Bebauungsplänen schreibt die Stadt auch vor, dass 30 Prozent der Wohnungen öffentlich gefördert sein müssen. Rund 30.000 Wohnungen sollen in den kommenden zehn bis 15 Jahren in der Stadt gebaut werden, die derzeit wegen des jährlichen Zuzugs von gut 15 000 Menschen aus allen Nähten platzt.

Bilder: Neubau des Henninger Turms

„Was wir im Moment erleben, ist eine systematische Entmischung, weil ganze Viertel in Frankfurt nur noch für Wohlhabende zugänglich sind“, kritisiert dagegen Städteforscher Wiegand. Sicher ist, dass die Gentrifizierungs-Debatte die neue Stadtregierung begleiten wird. „Milieuschutz-Satzungen“ sollen künftig auch die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen genehmigungspflichtig machen. Die neue Römer-Koalition erhofft sich Rückendeckung durch eine zusätzliche Verordnung vom Land. Die Landtagsopposition schlägt außerdem vor, die Mietpreisbremse für städtische Wohnungen auch in anderen Städten mit angespannten Märkten zu übernehmen.

In Offenbach, das nach Angaben von Stadtsprecherin Kerstin Holzheimer von 2014 auf 2015 um 2,4 Prozent oder 3094 Personen auf 132 068 Einwohner gewachsen ist, spielt Gentrifizierung nach Aussagen des Geschäftsführers der stadteigenen Gemeinnützigen Baugesellschaft (GBO) , Winfried Männche, keine Rolle. „Wir haben nur normale Fluktuation. Es gibt keinen Stadtteil, in dem wir eine Gentrifizierung feststellen können“, sagte er gestern. Nach seinen Angaben arbeitet die Stadtregierung in Offenbach schon seit einigen Jahren mit wohnungspolitischen Leitlinien für den Mietwohnungsbau. Man setze sich dafür ein, dass bei jedem Wohnungsbauprojekt 30 Prozent der Wohnungen öffentlich gefördert, also preisgünstiger seien. Insgesamt sei das Mietnivau hier deutlich niedriger als in Frankfurt, weshalb gravierende Eingriffe nicht nötig seien.

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dpa/mic

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