Fotografie Forum Frankfurt zeigt Bilder neuer „Weltwunder“

Wolkenmacher und Lochfraß

+
Müll als neues Weltwunder? „Gota“ („Drop“) aus der Serie „Washed Up: Transforming a Trashed Landscape“, 2011, von Alejandro Durán, zu sehen im Fotografie Forum Frankfurt.

Frankfurt -  Plastikmüll, Hochhäuser, riesige Löcher – das ist, was wir Menschen auf der Erde hinterlassen. Spuren der Zivilisation, des Luxus’ und Überflusses. Von Lisa Berins 

Dass sie auch einen ästhetischen Wert haben können, zeigt jetzt die Ausstellung „Wonders of the World“ im Fotografie Forum Frankfurt. Eine Schar bunter Zahnbürsten hat sich unter das Sukkulentenfeld gemischt. Ihre dreckigen, ausgefransten Köpfe recken sie gen Kameralinse, der Stiel fest in den Boden gebohrt. Auch sie sind Teil unserer Lebenswelt. Und sie haben sich ihren Weg in die Landschaft gebahnt. Ersetzt, ausrangiert – und arglos in die Umwelt ausgesetzt. Der mexikanische Künstler Alejandro Durán hat die Bürsten aufgesammelt, inszeniert, fotografiert. Ganze Sammeltrupps beschäftigt er für sein Installations- und Fotoprojekt „Washed Up. Transforming a Trashed Landscape“. Es ist eine Art künstlerische Aufräumaktion: Die Helfer sortieren den gefundenen Müll nach Farben. Dort die schwarzen Reifen und Plastikteile, die dann unter Palmen zu einem Klumpen verschmelzen, hier die leeren Plastikflaschen, die sich ungelenkt an eine vermooste Küste schmiegen. Es ist eine vom Menschen gemachte Fast-Natur, die wir sehen.

Landschaftsfotografie heute – das sei nun mal etwas anderes, als noch vor ein paar Jahrzehnten, sagt Celina Lunsford. Die US-Amerikanerin ist seit 1992 Künstlerische Leiterin des Fotografie Forums Frankfurt. Sie hat die Schau „Wonders of the World“ kuratiert. Weltwunder möchte sie den Besuchern also vorstellen: Fantastische, von der Menschheit konstruierte Werke. „Faszinierend, aber auch gravierend“ seien die Eingriffe, die die Künstler in der Gruppenausstellung präsentieren.

Das größte Solarfeld der Welt – eine gigantische Anlage in der kalifornischen Mojave-Wüste – erscheint auf den Schwarz-Weiß-Fotografien des Amerikaners Jamey Stillings wie eine Utopie aus vergangener Zeit. Doch sie ist Realität: Heute versorgt „Ivanpah Solar“ etwa 140 000 amerikanische Haushalte. Der in Oregon geborene Fotograf dokumentierte den Bau der Solaranlage über Jahre.

Die Entstehung der neuen „Weltwunder“ ist eine langwierige Sache. Immer wieder halten die Fotografen drauf. So auch der 1959 in Travemünde geborene Olaf Otto Becker, der seit Jahren nach Grönland reist, um dort mächtige Eislandschaften vor die Linse zu kriegen. Wie in einem Aquarell verlaufen die weißen Brocken in eisblaues Wasser. In den Serien „Broken Line“ und „Above Zero“ hat das Schmelzen der Gletscher eine faszinierende Ästhetik: das Rosa des Himmels spiegelt sich im Schmelzwasser – eine märchenhafte Welt. Dass die Klimaerwärmung dafür verantwortlich ist, kommt erst im zweiten Moment in den Sinn.

Anstatt den Zeigefinger zu heben, findet auch Matthias Jung das – zumindest optisch – Schöne. In seiner Serie „Revier“ hat er den Fortschritt in den Braunkohle-Tagebauen Hambach und Garzweiler verfolgt. Dort haben sich hungrige Riesenbagger durch die Erde geschaufelt, ganze Dörfer wurden eliminiert, die Menschen umgesiedelt. Jung, 1967 in Herford geboren, schaut distanziert auf die Geschehnisse. Eine Gruppe Demonstranten, auf dem Bild in Ameisengröße, hat sich im Kreis versammelt, der wie in die Landschaft gezeichnet wirkt. „Fast wie Landart“, findet der Fotograf selbst.

Dass sich die Spuren der Zivilisation fast unmerklich in unser Bild von der Natur schleichen, demonstriert der Südkoreaner Han Sungpil: Im Zeitraffer gedrehte Filme zeigen mysteriöse Rauchsäulen, die in den Himmel idyllischer Landschaften wachsen. Produziert werden sie von Atomkraftwerken, die unsichtbar bleiben. „Ground Clouds“ nennt Sungpil die Reihe; Wolken, die die Menschen von der Erde aus machen. Es sind befremdliche Weltwunder, die wir derzeit erschaffen.

Kommentare