Heute ist Welt-Qigong-Tag:

Die flatternde Frau

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64 fließende Körperbewegungen auf der Liebfrauenheide: Snezana Galijas absolviert „Wildgans Qigong“.

Hainstadt - „Wildgans Qigong“: Das sind 64 Körperbewegungen, die fließend miteinander verbunden werden. Das Fitness-Programm dauert nicht länger als zehn Minuten und hält geistig und körperlich fit, sagt Snezana Galijas. Von Sabine Müller

Die Hainstädterin praktiziert und lehrt diese fernöstlichen Übungen seit Jahren. Wer den Namen nennt, wird schnell belächelt, wer die Übungen in der Öffentlichkeit zeigt, neugierig beäugt. Beobachtet werde sie oft, angesprochen nur selten, sagt Snezana Galijas. Täglich radelt sie von Hainstadt zur Liebfrauenheide, um auf einer kleinen Wiese neben der Kapelle „Wildgans Qigong“ zu absolvieren. Spaziergängern, Joggern und Kapellenbesuchern, die regelmäßig vorbeikommen, ist die „flatternde Frau“ schon bekannt. Nachdem sie die Sequenz zwei Mal absolviert hat, freut sich ihre Begleiterin „Bella“ - jetzt ist Zeit zum Apportieren. Dabei musste der Hütehund nicht lange warten: Die „Wildgans“ ist eine besonders bewegte Qigong-Spielart, die zwar aus 64 Übungen besteht, aber nach zehn Minuten beendet ist, wenn man diese einmal gelernt hat.

Qigong, eine Meditations- und Bewegungsform zur Vorbeugung, Heilung und Regeneration von Körper und Geist, gehört in China zum Alltag, berichtet Snezana Galijas. Heute, Samstag, ist internationaler Taichi-Qigong-Tag. Auch in Deutschland habe das Jahrtausende alte Training von Lebensenergie viele Anhänger, weitgehend unbekannt sei jedoch die medizinische Form der „Wildgans“. Die 50-Jährige hat sie für sich entdeckt, weil nicht die Spiritualität im Vordergrund steht. „Ich habe immer Sport gemacht, bei Meditation bin ich eingeschlafen.“ Das sei mittlerweile anders. Durch die Konzentration auf die komplexen Übungen, die in fester Reihenfolge ablaufen, bleibe der Geist für diese Zeit fokussiert: Über Bewegung zur Ruhe kommen. „Wer regelmäßig trainiert, wird sich geistig fitter, kreativer und insgesamt leistungsfähiger fühlen“, weiß die Unternehmerin und dreifache Mutter aus eigener Erfahrung.

Als „Gastarbeiterkind“ kam Snezana Galijas ursprünglich aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland. Sie lebte in Coburg, Hofheim/Taunus und Aschaffenburg. Seit 2011 wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten, Hund und Katze in Hainstadt. Nach Mittlerer Reife und Sprachschule zur Auslandskorrespondentin ging sie für ein Jahr nach Australien, arbeitete als Chefsekretärin in einer Wirtschaftsprüfungskanzlei in Frankfurt, durchlief dann das Fernstudium „Werbetexterin und Konzeptionerin“. Die Töchter sind aus dem Gröbsten raus, die zwei Großen studieren bereits. „Als zeitweise Alleinerziehende und Freiberuflerin hatte ich nach der Trennung große Existenzangst“, berichtet Snezana Galijas, „musste auch körperlich gesund bleiben.“ Eine Arbeitskollegin brachte sie in Kontakt mit Qigong, dann entdeckte sie die „Wildgans“: „Mein Körper hat sofort stark reagiert, das hat mich sehr beeindruckt.“ Mönche, die den Übungslauf einst entwickelten, ließen ihre Kenntnisse aus der Traditionellen Chinesischen Medizin einfließen. Bei der Choreografie werden Organe und Gehirn, Muskeln, Sehnen und Gelenke aktiviert. Die Wirkung sei in vielen Studien nachgewiesen worden; in China, wo „Wildgans Qigong“ auch an der Universität gelehrt werde, sei es seit 1995 staatlich anerkannt.

Snezana Galijas absolvierte ihre Ausbildung 2005 beim chinesischen Arzt Dr. Weijong Yang in Aschaffenburg. In Zusammenarbeit mit einer Produktionsfirma in Froschhausen brachte sie 2014 die erste deutschsprachige Lehr-DVD „Wildgans Qigong“ auf den Markt, gibt Workshops in Klein-Krotzenburg und hält Vorträge wie etwa im März bei der Rheuma-Liga in Seligenstadt. Jetzt kam die Anfrage einer Firma, die mit ihrem Mitarbeiter-Team Qigong üben möchte. Sie stelle sich gerade sehr stark die Sinnfrage, sagt die Hainstädterin, die eine Text- und PR-Agentur betreibt. „Wenn ich Wildgans-Qigong hauptberuflich lehren könnte, würde ich das gerne machen.“

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