Bodenschatz von Weltrang

Letzte Ziegelei führt Tradition des Tonabbaus fort

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Malerisch, der Blick in die Tongrube im Wald bei Hainstadt. Wenn frisch gebaggert wurde, sieht man die verschiedenen Farbschichten besonders deutlich.  

Hainstadt - Ein kurzer, aber kräftiger Gewitterschauer hat zwar an diesem Tag den Abstecher in die Hainstädter Tongrube verhindert, ein unterhaltsamer und informativer Nachmittag wurde es aber trotzdem. Von Katrin Stassig

Im Zuge der Reihe „Runter vom Sofa“ des Ehrenamtsbüros trafen sich ein Dutzend Teilnehmer beim Ziegelwerk Wenzel, um Einblicke in die Gewinnung und Verarbeitung des Naturmaterials Ton zu gewinnen. Aus Lehm gefertigter Ziegelstein gilt als das älteste von Menschenhand künstlich hergestellte Baumaterial. Erdgeschichtlich sind die Lehm- und Tonvorkommen im Tertiär entstanden. Als das Schmelzwasser nach der Eiszeit Richtung Meer floss, setzten sich Sand, Kies und Lehm ab – so auch im Main und seinen Neben- und Altarmen. Das bedeutendste Tonvorkommen der Region befindet sich in Hainstadt am Katzenbuckel, wo die Firma Wenzel – als letzte aktive Ziegelei in Hessen – ihn bis heute noch abbaut.

Um die Jahrhundertwende gab es 13 Ziegeleien und drei Feldbrennereien in Hainstadt. „Fast alle hießen Wenzel oder Blumör und waren auch über viele Ecken miteinander verwandt“, erzählt Rudolf Bax seinen Gästen. Der Diplom-Ingenieur leitet heute das Ziegelwerk an der Offenbacher Straße. Sein Vater kam nach dem Krieg als junger Ingenieur ins Haus und heiratete die Tochter des Chefs. Die Ziegelei Wenzel befand sich ursprünglich am Ende der Böhnsgasse. Nach dem Rückzug von Philipp Holzmann übernahm die Familie das Werk an der Offenbacher Landstraße.

Die verschiedenen Farben des Tons zeigt Rudolf Bax an der Lagerfläche hinter der Fabrik. Frankfurter und Offenbacher Tone sind durch den Kalkanteil eher grau. Eine Rotfärbung entsteht durch Eisenoxid.

„Wir haben in Deutschland wenig Bodenschätze in Topqualität“, meint Bax. „Aber Tone haben wir weltweit die allerbesten.“ Den Unterschied zwischen Lehm und Ton erläutert er auf Nachfrage eines Gastes. Ton ist das hochwertigere Material, Lehm hat einen höheren Sandanteil. Anders als früher, so Bax, arbeitet heute niemand mehr mit nur einem Ton, sondern mit Material aus verschiedenen Bezugsquellen. Das Ziegelwerk Wenzel bezieht seine Tone unter anderem aus dem Westerwald und von verschiedenen Bauvorhaben in Deutschland. Als der Riederwald-Tunnel geplant wurde, las Bax in der Zeitung mit einigem Entsetzen von einem teuren Entsorgungskonzept für das Aushubmaterial. Er nahm Kontakt zu den Verantwortlichen auf – und hat nun für die Dauer der Baumaßnahme eine weitere Bezugsquelle.

1994 hat die Firma damit angefangen, den Ton aus größeren Bauvorhaben zwischenzulagern. Das erste Material stammte vom S-Bahn-Bau in Offenbach. Ein Vorrat von etwa einem Jahr lagert an der Fabrik. Aus der Grube in Hainstadt beziehen Bax und seine Mitarbeiter noch etwa 20 bis 25 Prozent des verarbeiteten Tons. Das sind, so Bax, ganz geringe Mengen, „aber wir brauchen sie. Eine Ziegelei ohne eigene Grube kann nicht überleben.“ Nur etwa drei Wochen im Jahr sind die Bagger dort zugange, manchmal auch gar nicht. Das hängt von der Wetterlage ab. Bei Regen ist ein Abbau nicht möglich. Erschöpft ist das Tonvorkommen in Hainstadt übrigens noch lange nicht. „Das reicht noch für Kinder und Kindeskinder.“

Die spektakulärsten Landschaften der Welt

Der Abbau begünstigt übrigens die Ansiedlung seltener Vogelarten. Der Ziegenmelker zum Beispiel benötigt trockene, offene Landschaften und findet dort ideale Lebensbedingungen. Auch die Sandbiene und diverse Reptilien fühlen sich in der Tongrube heimisch.

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