Klarer Glockenklang seit 550 Jahren

Älteste Steinheimer Glocke stammt aus dem Jahr 1466

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Lothar Müller vom Verwaltungsrat der Gemeinde St. Johann Baptist zeigt die St. Sebastians- und die Johannisglocke (rechts) vom Dreier-Geläut der Alten Pfarrkirche. 

Steinheim - In diesem Jahr läuten sie im 29 Meter hohen Wehrturm der Alten Pfarrkirche für 20 Hochzeiten. Zwei der drei Glocken im Glockenstuhl des aus Basaltsteinen errichteten und 2001 sanierten Alten Pfarrkirchturms sind älteren, eine neueren Datums. Die 600 Kilo schwere St. Marien-Glocke ist jedoch besonders alt. Von Holger Hackendahl 

Die A-Ton-Glocke wurde 1466 von Oswald Kisling aus Biberach gegossen und hängt nun seit 550 Jahren in Steinheims ehemaligem Wehrturm. In gotischen Buchstaben trägt sie die Inschrift „Maria Gotts Celle halt in Hut was ich überhalle“. Ihr Ton erklingt viermal in der Stunde. „Deswegen wird sie auch Viertelstunden-Glocke“ genannt“, weiß Reimund Frickel, der sich seit 40 Jahren für die Pfarrei St. Johann Baptist um deren Gotteshäuser kümmert. „Nicht nur zu Hochzeiten, sondern auch samstags um 16 Uhr oder auch an Weihnachten und Neujahr läuten die Glocken“, so Frickel. Das Geläut wird freilich längst nicht mehr per Seilzug von einem Glöckner, sondern mit Elektromotoren betrieben.

Die Zweitälteste des außergewöhnlichen Glocken-Ensembles aus drei Stilperioden ist die St. Johann Baptist-Glocke, gegossen 1656 von Johann Wagner aus Frankfurt. Die 720 Kilo schwere Glocke stammt auch der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48). Sie hängt an sechs Henkeln, die mit bärtigen Männergesichtern geschmückt sind – möglicherweise Darstellungen des Glockengießers. Sie ist auf den Gis-Ton gestimmt und wird heuer 360 Jahre alt. Die Johannisglocke ist beim gemeinsamen Geläut die beherrschende, beschrieb der mittlerweile verstorbene Heimatforscher Dr. Leopold Imgram das Geläut der Alten Pfarrkirche.

Zu der spätgotischer Molloktav-Glocke und barocken Sextglocke kommt als dritte die moderne St. Sebastians-Glocke hinzu. Im Gegensatz zu den beiden Alten ist die moderne, in Fis gestimmte Molloktav-Glocke mit 818 Kilo zwar die schwerste der Drei, mit 59 Jahren aber auch die jüngste. Sie wurde 1957 von der Glockengießerei Friedrich Wilhelm Schilling in Heidelberg gegossen. Früher hing dort eine Glocke aus dem Jahr 1750, sie war aber 1924 gesprungen und wurde 1926 durch eine neue ersetzt. Diese wiederum wurde, wie viele andere Glocken auch, zu Kriegszeiten 1941 eingeschmolzen.

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Mit dem Geläut der St. Sebastians-Glocke müssen die Pfarrei-Verantwortlichen Ende der 50er Jahre so zufrieden gewesen sein, dass sie auch alle sieben Glocken für die nur wenige hundert Meter entfernte Marienkirche bei der Heidelberger Glockengießerei gießen ließen. Das zweitgrößte Ensemble im Bistum Mainz wurde in einen Stahlglockenturm eingebaut - wegen des Gewichts von zehn Tonnen. Allein die Dreifaltigkeitsglocke der Marienkirche wiegt 5276 Kilo.

Das Glockentrio in der alten Kirche, die 1449/50 zur Stadtpfarrkirche ausgebaut wurde, orientiert sich am so genannten Cluniazenserläuten, das seinen Ursprung im burgundischen Kloster Cluny hat und im Mittelalter vor den höchsten Festen läutete.

Laut G. Schneider, Glockensachverständiger im Bistum, erklingen die Glocken zunächst alle zusammen, die kleineren schwingen dann aus bis nur mehr die größte erklingt. Der Reihe nach werden dann alle Glocken einzeln geläutet bis die kleinste erreicht ist. Ihre größeren Schwestern fallen nun nacheinander wieder ein in die Glockenharmonie – bis alle wieder erklingen.

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