Unterschiedliche Schilderungen der beiden angeklagten Brüder

Baseballschläger-Angriff: „Gewalt gehörte zum Alltag“

Hanau - Offenes Schädelhirntrauma, Schädelbruch, Brüche von Augen- und Kiefernhöhle sowie Jochbein: Schwerste Verletzungen wurden am 20. Dezember 2015 einem Steinheimer mit einem Baseballschläger zugefügt. Von Christian Spindler

Zwei 23 bzw. 20 Jahre alte Brüder müssen sich für die brutale Tat seit gestern vor dem Landgericht verantworten. Doch wer hat den 42-Jährigen ins Koma geprügelt? Das muss die 2. Große Strafkammer klären. Die wüste Attacke trug sich an jenem Dezemberabend gegen 21.40 Uhr in der Uferstraße zu. Der heute 42 Jahre alte Steinheimer, der stark angetrunken war, wurde mit dem Baseballschläger „mehrfach gezielt auf den Kopf“ geschlagen, sagt die Staatsanwaltschaft. Ohne rechtzeitige ärztliche Hilfe hätte er sterben können. Laut Anwalt des Opfers, das auch als Nebenkläger auftritt, ist der 42-Jährige nun auf dem linken Auge blind. Lange lag er im Koma. Erst zwei Monate nach der Attacke wurde der jetzige Angeklagte als mutmaßlicher Täter verhaftet. Der 23-Jähige und sein jüngerer Brüder äußerten sich zum Prozessauftakt nicht. Ihre Anwälte verlasen jeweils nur recht dürre Erklärungen zum Tatabend - aber mit durchaus unterschiedlichen Schilderungen.

Die Version des 23-Jährigen: Er sei an jenem Abend mit seinem kleinen Chiwawa Gassi gegangen, habe in Höhe der Valentin-Braun-Straße einen Mann bemerkt, der an eine Laterne urinierte und der ihn dann lautstark bedrohte. Weil er sich von dem Mann verfolgt fühlte, habe er seinen Bruder angerufen, der sich offenbar in der wenig entfernten Wohnung aufhielt. Der Bruder sei prompt gekommen - mit Baseballschläger. Und mit dem habe er auf den angeblichen Verfolger eingeschlagen: einmal. Danach will der Hauptangeklagte seine Freundin beauftragt haben, einen Krankenwagen zu rufen. Die Version des jüngeren Bruders geht freilich anders: Er sei an dem Abend von seinem älteren Bruder angerufen worden, um ihm den Baseballschläger zum Spielplatz an der Uferstraße zu bringen. Dort sei außer seinem Bruder eine andere Person gewesen. Als jemand schimpfend auf ihn zugerannt sei, will der 20- Jährige den Baseballschläger fallen gelassen haben und zurück in die Wohnung gerannt sein. Was auch immer am Main passiert sei - „ich wollte damit nichts zu tun haben“, heißt es in der Erklärung.

Fest steht: Die Brüder verschwanden beide vom Tatort. Hat der 42-Jährige, der an dem 20. Dezember dem Vernehmen nach vier Flaschen Apfelwein und einige Jägermeister intus gehabt haben soll, denjenigen erkannt, der ihn so übel zugerichtet hat? Es seien bei seinem Mandanten zuletzt „deutlich mehr Erinnerungen zurückgekommen“ als in bisherigen Aussagen festgehalten, sagte der Opfer-Anwalt gestern. Mit Spannung wird darum im weiteren Prozess die Aussage des 42-Jährigen erwartet. Zuvor sollen dem Mann noch diese Woche bei der Polizei Fotos der Angeklagten und ähnlich aussehender Männer vorgelegt werden. Kann der 42-Jährige den Schläger identifizieren?

Bilder: Prozess gegen Schläger von Mark Herbert 

Das Vorstrafenregister des 23-Jährigen Steinheimers, der nun als Haupttäter vor Gericht steht, ist beachtlich: Sieben Verurteilungen, darunter wegen schweren Diebstahls, Körperverletzung und räuberischer Erpressung. Seit Februar sitzt der junge Mann in U-Haft. Erst nachdem das Opfer aus dem Koma aufgewacht war, und rund zwei Monate nach der Tat war er festgenommen worden. Wie auch immer der brutale Angriff auf den alkoholisierten 42-Jährigen vier Tage vor Heiligabend im vorigen Jahr ablief und wer auch immer zugeschlagen hat - die Brüder, denen nun wegen versuchten Totschlags bzw. Beihilfe der Prozess gemacht wird, kommen offenbar aus zerrütteten Verhältnissen.

In der Kindheit soll der heute 23-Jährige, der neben dem mitangeklagten Bruder noch drei Schwestern und drei Halbgeschwister hat, wegen seiner Sinti-Herkunft diskriminiert und oft angegriffen worden sein, sagt sein Anwalt. Und: „In der Familie gehörte Gewalt zum Alltag.“ Der Vater saß mehrfach in Haft. Der Prozess wird am kommenden Montag vor dem Hanauer Landgericht fortgesetzt.

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