Missionarin der Menschlichkeit

Joan Baez: Eine Prise Woodstock

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Wenn die Alt-68erin auftritt, will man an die Utopie glauben, dass Musik noch etwas zum Guten ändern kann. Joan Baez sang bei ihrem Konzert im Hanauer Schlosspark Philippsruhe Klassiker – von „Where Are All The Flowers Gone“ über „Farewell, Angelina“, bis „Donna Donna“. -

Hanau - Ein bisschen Woodstock und ein großes Quantum Trost in dramatischen Zeiten: Joan Baez, die ewig ungebeugte Friedens-Aktivistin, gibt im Hanauer Schlosspark ein zum Weinen schönes Konzert. Von Peter H. Müller

Es sind Erinnerungen an Tage, als Lieder noch von Wahrheit, Liebe und Menschlichkeit handelten. Gut 3500 Fans sind kollektiv begeistert und üben andächtig den Chor für die Grande Dame des politischen Folksongs. Ein Anachronismus? Naiv? Trotzig idealistisch? Vielleicht. Vielleicht von allem etwas. Selbst Joan Baez wird die Welt nicht entscheidend verändern können. Aber sie hört nicht auf mit dem Versuch, sie ein wenig besser zu machen. Das ist gut so. Und ganz gleich, wie schwer es derzeit fallen mag, an diese hehren Botschaften zu glauben, ihre Tiefenwirkung ist noch immer großartig. Am Ende etwa, bei der ersten Zugabe, kann man fast die berühmte Stecknadel in den Rasen fallen hören.

Auf der Bühne steht da eine weißhaarige Frau, die auch mit 75 nichts von ihrem unprätentiösen Charisma verloren hat. Sie spielt Gitarre, stimmt den Pete-Seeger-Song „Where Have All The Flowers Gone?“ an und nimmt alle, aber wirklich alle an der Hand, mit in diese bittersüße Antikriegshymne, der Marlene Dietrich einst den deutschen Text eingehaucht hatte. Es ist einer von vielen speziellen Baez-Momenten, die diesen Open-Air-Abend zu einer sehr intensiven Nostalgie-Reise machen.  Denn natürlich ist der gänzlich unglamouröse 100-Minuten-Auftritt, der mit Dylans „Farewell, Angelina“ und Steve Earles „God Is God“ (der Wetter-Gott war übrigens gnädig) eröffnet, auch aus der Zeit gefallen. Was gar nicht negativ konnotiert sein soll. Nein, in einer Ära, da Größer-Toller-Bunter-Konzerte vorwiegend als Wackel-Videos über Smartphone-Displays flimmern und wie Trophäen in Instagram-Pinnwänden hängen, ist dieses Schnickschnack-freie Konzert in Mini-Besetzung (Dirk Powell an Piano & Saiten, Gabriel Harris/ Percussion) ein durchaus wohltuender Gegenentwurf.

Gut, Joan Baez singt heute nicht mehr im Luftschutzkeller von Hanoi, sie wird nicht mehr wegen heftiger Vietnam-Proteste ins Gefängnis gesteckt und marschiert nicht mehr vorneweg für Martin Luther Kings Traum, der gerade in den USA zerschossen wird. Ihre Haltung aber ist geblieben, so unerschütterlich wie überzeugend.

Woodstock - die Legende wird 40

Auch wenn sie seit 25 Jahren keine eigenen Songs mehr schreibt: Sie covert, was Größe, Anliegen und Relevanz hat – vom Justizopfer „Joe Hill“ und Woody Guthries „Deportee“ (das per Flugzeug abgestürzten mexikanischen Flüchtlingen endlich ihre Namen zurückgibt) über Lennons „Imagine“ und Konstantin Weckers „Wenn unsere Brüder kommen“ bis zu Earles „Jerusalem“ und Violetta Parras „Gracias A La Vida“. Plakative missionarische Statements, ausgenommen einer Breitseite gegen Mr. Trump ausgenommen, braucht es da nicht.

Ihre Stimme? Vom Leben irgendwie ähnlich gezeichnet wie ihre politische Sisyphos-Arbeit: immer noch wunderbar klar in den Alt-Lagen, ein wenig brüchig in den Höhen. Nennen wir es einfach kraftvolle, gelebte Tiefe. Es spielt auch letztlich keine Rolle. Wenn Joan Baez ganz am Ende nach dem Auschwitz-Requiem „Donna Donna“ noch Paul Simons „The Boxer“ singt und sich alle Zuschauer von den Sitzen erheben, mag man fast wieder an die Utopie glauben, dass diese Musik doch etwas zum Guten ändern kann.

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