Bei den Theatertagen gibt es viel Neues zu entdecken, der Zuspruch war aber mitunter spärlich

Theatertagen in Hanau: Fleischeslust beim Tango

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Der Bestseller „Fifty Shades of Grey“ inspirierte das junge Ensemble des Theaters aus der russischen Partnerstadt Jaroslawl in ihrem Stück „Die Farbe Grau“ zu Bewegungs- und Tanzszenen.  

Hanau - Zwölf Ensembles aus fünf Nationen haben dem Publikum von Freitag bis gestern bei den 33. Internationalen Hanauer Theatertagen anregende Theatererlebnisse beschert. Von Dieter Kögel 

Reinhardskirche, Heinrich-Heine-Schule und die Bühne im Jugendbildungs- und Kulturzentrum Hans Böckler waren in diesem Jahr die Spielorte. Auf das Comoedienhaus musste aus Kostengründen erneut verzichtet werden. Denn die 20-prozentigen Haushaltskürzungen wegen der städtischen Sparmaßnahmen machen sich auch bei der Organisation des Theaterfestivals durch die Mitglieder des „Hist(o)erischen Theaters“ bemerkbar. Das weiß auch Stadtrat Wulf Hilbig, der zur Eröffnung der Theatertage Grüße der Stadt überbrachte und auf eine Lösung hofft, bei der auch das Comoedienhaus wieder für das Festival zur Verfügung steht. Dennoch, so Organisatorin Diana Bär und Britta Wessel, Vorsitzende des „Hist(o)erischen Theaters“, sei man der Stadt für die verbliebene Unterstützung dankbar. Denn sie schaffe nach wie vor zusammen mit Zuwendungen der Sparkassen-Stiftung die Voraussetzung dafür, einmal im Jahr „diese alternative Kultur in die Stadt zu bringen.“

Alternativ insofern, als „Klassiker“ weitgehend aus den Spielplänen verschwunden und durch Werke weniger oft gespielter Autoren ersetzt worden sind. Zwar war auch das legendäre Beziehungsdrama von Dario Fo und Franca Rame über die „Offene Zweierbeziehung“ wieder einmal zu sehen. Und zur Eröffnung der Theatertage gab es Lutz Hübners „Gretchen 89ff“ vom Bochumer Theater „Die Unwilligen.“ Eine bissige Komödie um exzentrische Regisseure und Schauspieler, die sich das Leben unerhört schwer machen, erzählt anhand der Probenarbeit für die „Kästchenszene“ aus Goethes Faust in verschiedenen Versionen. Ein selbstironischer Einstand für das viertägige Theaterfest, aber durchaus passend und höchst vergnüglich.

In der Mehrzahl waren die gezeigten Aufführungen allerdings eigene Produktionen oder Stücke weniger oft gespielter Autoren. Viel Raum also, um Neues zu entdecken. Aus den USA kam „Chain Reaction“ in diesem Jahr nach Hanau mit dem Solostück „The Re-Imagining of French Grey by The Displaced Woman”, basierend auf dem Buch des amerikanischen Avantgardeautors Josef Bush, der die letzten Stunden der französischen Königin Marie Antoinette vor ihrer Hinrichtung beschreibt.

Sorgte für Betroffenheit und Nachdenklichkeit beim Publikum: Elizabeth Huffmann im amerikanischen Festivalbeitrag.

Ein Buch, das der Flüchtlingsfrau in die Hände fällt als sie sich in einem unbewohnten Rattennest einnistet. Mit dem, was ihr auf der Flucht von ihrer Habe geblieben ist. Und das ist nicht viel, langt dennoch aus, um ein winziges Stück Normalität herzustellen. Elizabeth Huffmann kommt in ihrer Rolle langsam ins Erzählen, in englischer Sprache mit arabischem Akzent, weil selbst aus Syrien. Des Landes verwiesen, weil sie Kontakt zu einer Frau des Arabischen Frühlings gehabt hatte. Huffmann spielt 90 Minuten lang die Rolle der Flüchtenden, die alles verloren hat, schlüpft in die sie begleitenden Figuren und in die der Marie-Antoinette, die ebenfalls Opfer geworden ist von Bürgerkrieg und politischem Gegenwind. Die aktuelle Angst ums Überleben flammt da ständig auf. Eine aufrüttelnde und hochaktuelle Inszenierung, die in der Reinhardskirche viel Betroffenheit, Respekt und Nachdenklichkeit hervorrief.

Der „Farbe Grau“ widmeten sich die Absolventen des Theaters aus der russischen Partnerstadt Jaroslawl. Das Buch „Fifty Shades of Grey“ inspirierte das junge Ensemble zu neuen Bewegungs- und Tanzszenen. Häufig getragen von Tango-Rhythmen, verfielen die Protagonisten bei der Lektüre des Buches natürlich der Fleischeslust, selbst zurückhaltende Charaktere gingen da über ihre Grenzen auf der Bühne in der Hinrich-Heine-Schule.

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Erst das Auftauchen eines grauen Kaninchens kanalisierte die zwischengeschlechtliche Hormonflut wieder auf ein allen gemeinsames Ziel. Denn kuschelige Kleintiere sind einfach nur süß.Eine Entdeckungsreise, an der allerdings vornehmlich die beteiligten Ensembles als Zuschauer teilnehmen. Bei den Besuchern aus Hanau ist noch viel Luft nach oben.

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