Was bleibt vom Wald übrig?

Forstamt Hanau-Wolfgang beklagt erhebliche Maikäfer-Schäden

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Bei einer Radtour durch den Wald rund ums Forstamt Hanau-Wolfgang machten sich Hanauer Kommunalpolitiker ein Bild von den Schäden, die durch Maikäfer beziehungsweise deren Engerlinge bereits angerichtet wurden.

Hanau - Kahl gefressene Eichenkronen, ein ganzer Hektar Buchenwald vom Wind gefällt - mit Sorge haben Stadtrat Andreas Kowol und eine Gruppe Hanauer Stadtverordneter bei einer Radtour durch die Bulau gesehen, was die Maikäfer und vor allem ihre gefräßigen Larven dem Forst östlich von Großauheim angetan haben.

Für die Förster sind die dichten Schwärme großer brauner Krabbeltiere, die aktuell fast jeden Abend unterwegs sind, das Signal zur Offensive. „Das Flugjahr ist unsere Chance“, sagt Revierleiter Olaf Gold: Je früher und je mehr Jungbäumchen jetzt Wurzeln schlügen, desto mehr könnten die nächste Fraß-Attacke der Engerlinge überstehen. Die sieht Christian Schaefer, Leiter des Forstamtes Hanau-Wolfgang, schon im Anrollen. Nach dem vierjährigen Zyklus, dem die Waldmaikäfer-Population zwingend folge, sei ab Sommer kommenden Jahres mit neuen Schäden zu rechnen. Dann seien die neuen Engerlinge, die diesen Sommer schlüpfen und sich zunächst nur an Graswurzeln gütlich tun, groß und hungrig genug für den Angriff auf die Feinwurzeln von Bäumen. Seinen Höhepunkt erreichen werde der Engerlingfraß ab Frühjahr 2018 bis in den Herbst 2019 hinein. Dann verpuppten sich die Larven, im Mai 2020 flögen erneut Millionen fertige Käfer aus.

So geht das laut Schaefer in der Bulau schon seit 20 Jahren. 1996 habe Hessen-Forst erste Anzeichen registriert, im Flugjahr 2004 habe sich der Befall in vollem Umfang offenbart. Der Höhepunkt ist nach Einschätzung des Forstamtschefs noch nicht erreicht: „Solche Populationen treten in der Regel alle 30 bis 40 Jahre auf, brechen irgendwann zusammen und verschwinden“. Das habe „nichts mit Pestiziden oder Umweltgiften zu tun - es ist einfach der Lauf der Natur“. Stellt sich die Frage: Was ist bis dahin noch übrig vom Wald? Denn „unsere Population hier ist offenkundig fit“, muss Schaefer konstatieren.

In welcher Gegend und welchem Umfang sich die Maikäfer periodisch ausbreiten, ist laut Olaf Gold kaum vorhersehbar. Im südöstlichen Hanauer Stadtwald fänden die Tiere den sandigen Boden vor, den die Weibchen für die Eiablage im Frühsommer bevorzugten. Akut betroffen seien rund 1 300 Hektar auf hessischem Gebiet, dazu größere Flächen jenseits der bayerischen Landesgrenze - allerdings in unterschiedlicher Dichte: „Das kann in Abständen von 100 oder 200 Metern stark differieren“, fasst der Revierförster die Ergebnisse von Engerlings-Grabungen im vergangenen Sommer zusammen. „Der Wald“, so Christian Schaefer, „verabschiedet sich mosaikartig“.

Punktuell ist die Lage nach den Feststellungen von Hessen-Forst kritisch bis alarmierend. Der Anblick entlaubter Baumkronen, die die Hanauer Politiker am Parkplatz hinter dem Neuwirtshaus beklommen betrachteten, lassen die Förster hingegen weitgehend kalt: Insbesondere bei Eichen sorge der Johannistrieb im Juni für Blätternachschub, erläuterte Olaf Gold. Viel schlimmer seien die nachgewiesenen bis zu zwölf Engerlinge pro Kubikmeter Waldboden. Schon drei Larven lösen bei Experten bedenkliches Stirnrunzeln aus. Befallen werden laut Schaefer zwar alle Bäume, besonders schätzten die fingerlangen Vielfraße allerdings die Wurzeln von Laubbäumen und Douglasien. Stark litten Bäume mit langsamem Wurzelwuchs wie etwa Buchen, besser komme die Kiefer und die - forstwirtschaftlich allerdings unerwünschte - spätblühende Traubenkirsche klar.

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Was Engerlinge anrichten können, wurde an mehreren von sechs Stationen der Waldrundfahrt klar. So räumte ein Sommersturm im August 2011, auf dem Höhepunkt der vergangenen Fraß-Periode, auf nur 1,2 Hektar rund 25.000 Festmeter Stammholz ab - vorwiegend Buchen, die keine Feinwurzeln und so auch keinen Halt im Boden mehr hatten. Über 2 500 nachgepflanzte Kiefern vernichteten die Engerlinge zu 70 Prozent. Das Trümmerfeld in der Waldabteilung 23a wird jetzt Versuchsterrain für die Massen-Strategie: Im Flugjahr, ohne Larven im Boden, will Hessen-Forst dort 6 250 Jungkiefern setzen. Mit dann schon kräftigen Feinwurzeln sollen sie dem nächsten Ansturm der Engerlinge besser gewachsen sein.

Wenig bis nichts halten die Hanauer Hessen-Förster von chemischer Maikäfer-Bekämpfung, großflächig mit Insektengift. „Es gibt überhaupt nur ein geeignetes Breitband-Insektizid“, sagt Christian Schaefer, „und das trifft auch die natürlichen Gegenspieler der Maikäfer“. Biologische Attacken mit Pilzen, vor Jahren hoffnungsvoll lanciert, hätten nur in feuchten Böden, nicht aber auf sandigem Grund funktioniert. Spezialisierte Anti-Maikäfer-Mittel habe bislang niemand entwickelt: „Für die Industrie ist das ein völlig uninteressanter Markt.“

rdk

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