Gipseier gegen Gonzo-Flut

Taubenhaus im Hafen ist ein Erfolgsmodell

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Tierschützerin Helma Göbel schaut bei Taubenküken Gonzo nach dem Rechten. Gonzo ist „Einzelkind“, denn im Taubenhaus im Hanauer Hafen wird ein Teil des Geleges zur Geburtenkontrolle durch Gipseier ersetzt – und das mit Erfolg.

Hanau - In Sachen Schönheit ist Gonzo zu kurz gekommen. Das Küken mit dem breiten Schnabel macht seinem Namensgeber aus der Muppet Show optisch alle Ehre. Und als hässliches Entlein geboren, kann Gonzo nicht mal darauf hoffen, sich zum Schwan zu mausern. Von Laura Hombach

Vielmehr zählen Gonzo und seine Artgenossen zu einer Gattung, für die sich nur wenige begeistern. „Tauben haben keine Lobby“, weiß Helma Göbel vom Tierschutzverein Hanau und Umgebung. Darin sieht die Tierschützerin auch einen Grund, weshalb sich der Tierschutzverein seit 2008 vergeblich um die Errichtung eines Taubenhauses in der Hanauer Innenstadt bemüht. Statt Mitleid für die teils verkrüppelten und größtenteils unterernährten Tiere zu empfinden, fühlten sich viele Menschen durch Tauben eher gestört oder brächten die Tiere hauptsächlich mit ihren unschönen Hinterlassenschaften auf Häusern und Sitzgelegenheiten in Verbindung. Erschwerend hinzu kommt ihre stetig steigende Zahl. Denn Tauben können im Abstand von nur wenigen Wochen neue Gelege ausbrüten. Und: Je schlechter die Lebensbedingungen, desto mehr wird gebrütet, um die Art zu erhalten, weiß die Expertin. Rund 2000 Tiere seien es wohl in der Hanauer Innenstadt, schätzt Göbel.

Um dem Problem Herr zu werden, muss man sich mehr einfallen lassen als Gebäude mit Spikes zu schützen, den Tieren die Futtersuche zu erschweren oder – wie jüngst die Stadt Hanau – Ballons in Bäumen aufzuhängen, um die Tiere zu verscheuchen. Die Tauben zu vertreiben sei sinnlos, meint Göbel. Denn Stadttauben seien Nachfahren von Haus- und Brieftauben, die, von Menschen gezüchtet, auch in deren Nähe leben wollen. „Das sind keine Wildtiere, die sich in den Wald zurückziehen, wenn man ihnen das Leben in der Stadt so unangenehm wie möglich macht“, erklärt die Tierschützerin. Gute Erfahrungen hat man hingegen in vielen Städten mit Taubenhäusern gemacht. Auch in Hanau wurde dieses Konzept schon erfolgreich umgesetzt. Denn während die Tierschützer sich in der Innenstadt bisher vergeblich um ein Taubenhaus mühen, konnte Ende 2012 ein solches im Hanauer Hafen eingeweiht werden (wir berichteten), das von Göbel mit vier weiteren ehrenamtlichen Helfern betreut wird.

Platz für mehr als 200 Tauben

Der kleine Holzanbau bietet Platz für mehr als 200 Tauben. Hier werden sie mit artgerechtem Körnerfutter versorgt. Aus Pappe gepresste Nester stehen fürs Brüten bereit. Der Trick dabei: Von den in der Regel aus zwei Eiern bestehenden Gelegen wird eines durch eine Gipsattrappe ersetzt. Die Taubeneltern haben so ihr Erfolgserlebnis (die Hanauer Tierschützer nennen die Küken der Einfachheit halber übrigens alle Gonzo), während gleichzeitig die Nachkommenschaft kontrolliert reduziert wird. Und es gebe noch einen Vorteil: Da sich die Tiere über weite Teile des Tages im Taubenhaus aufhielten, bleibe auch der Großteil ihres Kots innerhalb dieser vier Wände und lande nicht auf Sitzbank und Co.

Jeden Tag wird vor Ort nach dem Rechten gesehen, gereinigt und Körnerfutter im Taubenhaus ausgestreut. Kein Wunder, dass die Tauben auf ein solch gepflegtes Domizil nur so fliegen. Aus Sicht der Tierschützer ist das Taubenhaus im Hanauer Hafen eine Erfolgsgeschichte: Wurden 2012 im Hafengebiet noch rund 275 Tauben gezählt, waren es 2015 nur noch 165. Die Taubenpopulation konnte also bereits um 40 Prozent reduziert werden, so die Bilanz der Tierschützer. Und das, obwohl sich die fliegenden Bewohner auch noch auf andere Art vermehren: Pro Jahr kommen allein im Hafengebiet rund 30 Brieftauben hinzu, die den Heimweg nicht gefunden haben. Die Züchter wollten diese Tauben nicht zurückhaben, heißt es. So mache der Zustrom der Zuchttauben einen Teil der Geburtenkontroll-Erfolge wieder zunichte.

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Trotzdem ist Helma Göbel stolz auf das, was sie und ihr Team im Hafen bereits geleistet haben. Eine Erfolgsgeschichte, die die Tierschützer gerne in der Hanauer Innenstadt fortschreiben würden. Bisher war das an der Standortfrage gescheitert. Die Stadt hatte den Tierschützern zwar Unterstützung zugesagt, konnte aber keine geeignete städtische Immobilie, an die ein Taubenhaus andocken könnte, ausfindig machen. Auch ein Aufruf an Privatleute verhallte bisher ungehört. Doch nun scheint Bewegung in die Sache zu kommen. „Wir schauen jetzt noch einmal verschärft bei städtischen Immobilien“, erklärt Umweltdezernet Andreas Kowol (Grüne) auf Anfrage unserer Zeitung. Zwar sei die Lage in der Stadt momentan entspannt, aber es gingen doch immer wieder Beschwerden von Bürgen wegen Taubenansammlungen ein. Deshalb müsse eine Lösung gefunden werden.

Auch Kowol ist vom Ansatz eines Taubenhauses überzeugt. Ganz im Gegensatz zu den Ballons, die Anfang Juli in den Bäumen in der Rosenstraße aufgehängt worden waren. Das habe nicht wie gewünscht funktioniert, räumt der Dezernent ein. An einem Taubenhaus führe deshalb kein Weg vorbei. Bis spätstens nächstes Jahr will er eine Lösung gefunden haben.

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