Hauptsache Bewegung!

Hubert Bretz ist Hessens ältester Übungsleiter für Reha-Sport

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Hubert Bretz in Aktion: Noch immer leitet er zweimal wöchentlich Übungsstunden im Reha-Sport. Morgen wird er 90.

Hanau - Von „Urgesteinen“ wird öfters gesprochen. Doch wohl selten trifft diese Bezeichnung so sehr zu wie auf Hubert Bretz. Der Hanauer feiert am morgigen Sonntag nicht nur seinen 90. Geburtstag. Von Dirk Iding 

Er ist zudem seit sage und schreibe mehr als 60 Jahren als Übungsleiter im Rehabilitationssport aktiv. Dafür wird er demnächst von der Sparkassen-Sportstiftung mit dem August-Schärttner-Preis ausgezeichnet. Am Donnerstagabend war es im Gymnastikraum der Main-Kinzig-Halle mal wieder so weit. Hubert Bretz leitet, wie jeden Donnerstag, die orthopädische Reha-Gruppe des Vereins für Sport und Gesundheit (VSG) Hanau. Diese Gelenksportgruppe hatte Bretz nach einer Hüftoperation im Jahr 2003 selbst als neues Angebot des VSG Hanau mit aus der Taufe gehoben. Zweimal wöchentlich leitet der bald 90-Jährige noch heute Übungseinheiten. Er gilt damit als ältester noch aktiver Übungsleiter für den Rehabilitationssport in Hessen. Sein Motto lautet: „Egal, welchen Sport du machst, Hauptsache, du bewegst dich.“ Sport war dem in Höhr-Grenzhausen geborenen Hubert Bretz bereits als Kind wichtig. „Schon im Kinderwagen wurde ich auf den Sportplatz geschoben. Seit ich laufen kann, betreibe ich Sport“, erzählt Bretz.

Doch dann folgt die Katastrophe: Mit 17 wird Bretz in die Wehrmacht eingezogen und muss an die Front nach Russland. Mit 18 wird er dort von einer feindlichen Granate getroffen und so schwer verletzt, dass er davon bleibende Schäden behält. Nachdem er aus dem Lazarett in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerät, kommt er dort zum ersten Mal mit Sport für Kriegsverwundete in Kontakt. Eine Erfahrung, die ihn für sein Leben prägen wird. Als es Bretz nach dem Krieg und einem Ingenieur-Studium Mitte der 50er Jahre über Friedberg nach Hanau verschlägt – hier arbeitete er zunächst im früheren BBC-Werk in Großauheim und später bis zu seinem Renteneintritt bei Heraeus – stößt er auf den nur einige Jahre zuvor gegründeten Verein für Sport und Gesundheit (VSG) Hanau und engagiert sich dort schnell auch als Übungsleiter. „In den Anfangsjahren waren es praktisch ausschließlich Kriegsversehrte, die in die Übungsstunden kamen“, erinnert sich Bretz. Männer verschiedenen Alters, die aber alle ähnliche Schicksale hatten.

Rehabilitationssport im heutigen Sinne war damals noch unbekannt. Und manches erscheint im Rückblick verwunderlich, etwa der spätere Versuch, die so genannten Contergan-Kinder gemeinsam mit Versehrtensportlern trainieren zu lassen. Bretz: „Das konnte überhaupt nicht gutgehen und wurde auch ziemlich bald wieder aufgegeben.“ Erfolgreicher waren andere Ansätze, beispielsweise die Etablierung von Herzsportgruppen. „Das war für uns Übungsleiter aber auch nicht so einfach. Am Anfang wussten wir kaum, was wir mit den Leuten, die einen Herzinfarkt hatten, machen konnten“, erinnert sich Bretz. Schließlich galt damals noch, dass Herzinfarkt-Patienten mehrmonatige strenge Bettruhe verordnet bekamen und sie sich auch danach keinesfalls überanstrengen sollten. Heute weiß die Medizin längst, dass Bewegung in Maßen und von Anfang an für Infarktpatienten sogar förderlich ist. Gleiches gilt für Patienten nach orthopädischen Eingriffen. Auch für sie ist der Reha-Sport mittlerweile ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zur Genesung.

Reha: Wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?

Wie vielen Menschen der Bundesverdienstkreuzträger Hubert Bretz, der in früheren Jahren von montags bis donnerstags täglich Reha-Sportgruppen in Hanau, Bruchköbel, Maintal, Seligenstadt und Rodenbach leitete und sich dann auch noch freitags ins Hanauer Wohnstift und in die Steinheimer Mainterassen aufmachte, um mit deren Bewohnern Sitzsport zu machen, durch sein Engagement wohl geholfen haben mag? Das hat niemand gezählt.

Und Ehefrau Helga hat auch nicht die vielen, vielen Abende und Wochenenden gezählt, die sie auf ihren Hubert verzichten musste, weil er Übungsstunden gab oder sich auf den verschiedensten Seminaren fortbildete. Sogar ein Studium der Sportwissenschaften an der Uni Frankfurt hat Bretz, der trotz seiner Behinderung 50 mal das Goldene Sportabzeichen absolvierte, noch im Rentenalter absolviert.

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