Emotionale Achterbahnfahrt:

Johannes Oerding begeistert ein vorwiegend weibliches Publikum

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Der Typ ist einfach echt: Popsänger Johannes Oerding ließ das Hanauer Amphitheater brennen.

Hanau - Der Mann, dem die Frauen vertrauen. „Immer wieder“. Johannes Oerding bringt auf seiner „Alles brennt“-Marathon-Tour das Amphitheater Hanau zum Glühen. Von Peter H. Müller

Gut 2 800 vorwiegend weibliche Fans sind hin und weg vom Münsteraner Songwriter, der live auch noch kräftig rockt – und en passant den smarten Entertainer gibt. Ein großartiger Konzertabend – Klassenfahrt und Nachwuchsförderung inklusive. Irgendwann, beim angeblich „traurigsten Lied, das er je geschrieben hat“, erinnert er sich seines „öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags“: Oerding („Kinder sind was Wunderbares … aber in der eigenen Wohnung??“) holt alle „Kids unter 11“ auf die Bühne, erzählt mit pädagogischem Karma von Klassenausflügen, Jugendherbergen und verhängnisvollen Mixgetränken – um den Kleinsten mal eben mit „Traurig aber wahr“ noch eine Botschaft in Sachen Lebenshilfe mitzugeben. Die könnte auch „Nie mehr Alkohol!“ heißen, aber das ist eine andere Story. Der Marathon-Mann mit Hut, der auf seiner aktuellen Tour bereits mehr als 150 Auftritte hinter sich gebracht hat, erzählt ganz viele Geschichten an diesem Kaiserwetter-Abend in Hanau. Und alle scheinen einen Nerv zu treffen, nicht nur bei den aus der halben Republik angereisten Damen jedes Alters, die mit dem 34-Jährigen traditionell in der ersten Reihe schmachten.

Nein, die textsicheren Muttis und Töchter sind längst nicht mehr unter sich, wenn es Songs wie „Diese Nacht gehört uns“ oder „Wo wir sind, ist oben“ zu feiern gilt. Oerding live, das ist immer ein Wohlfühl-Gig – Gänsehaut-Momente, Party-Stimmung und Rockkonzert-Feeling garantiert. Was auch der famosen Band geschuldet ist: Moritz Strahl (E-Gitarre), Robin Engelhardt (Bass), Kai Lindner (Piano, Orgel) und der Neu-Österreicher Simon Gattringer am Schlagwerk sind ein perfekt harmonierendes Team – und dürfen nebenbei noch für ein paar nette Gags ihres Chefs herhalten. Ohnehin zelebriert Oerding jede seiner kauzigen Conférencen mit sichtlicher Freude. Ohne einen Anflug von Allüren oder Star-Attitüden. Der Typ ist einfach echt. Glaubwürdig. Er fühlt, lebt das, was er geschrieben hat, direkt auf der Bühne – und nichts, auch nicht seine urige Selbstironie („Wir sind das vierte Mal in Hanau. Beim ersten Konzert gerade 11 Leute, jetzt 11.000 – unglaublich!“), wirkt aufgesetzt.

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Mit dem kernig groovenden „Nicht genug“ hat er die Fans gleich von der ersten Minute fest an der Hand. Er wird dieses Band in den nächsten zweieinhalb Stunden auch nicht mehr lockern. Oerdings handgemachte Musik kommt aus dem Bauch, seine Texte sind aus einem unglamourösen Alltag gegriffen – und man wird das Gefühl nicht los, dass da ein alter Freund seine Seele offenlegt. Zumindest suggeriert er das verlässlich, mit jedem Song. „Für immer ab jetzt“, „Wenn Du lebst“, „Heimat“ oder der Chartstürmer „Alles brennt“ – ein Oerding-Konzert ist stets auch eine emotionale Achterbahnfahrt. Gefühlige Balladen oder E-Gitarren-gestärkte Mitklatsch-Hits, dazu ein paar klug eingestreute Zitate von James Browns „It’s a man’s world“ bis zu Nirvanas „Smells like Teen Spirit“ – der Sonnyboy mit der sanften Stimme schafft es in jedem Moment, seine Energie auf das Publikum zu übertragen.

Ja, ja, „Ich will noch nicht nach Hause“. Schon gar nicht, wenn es unterm idyllischen Zeltdach so leidenschaftlich zur Sache geht –und selbst die mitgeschleppten Ehemänner, Freunde oder Väter kollektiv aus dem Häuschen sind. Wo das noch hinführen soll? Keine Ahnung. Womöglich brennt Johannes Oerding seine Show ja demnächst in einem Stadion ab – zuzutrauen wäre es ihm. Großer Applaus.

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