Italienische Sommernacht

Mehr als 10.000 Musikfans im Staatspark Wilhelmsbad

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Zu einer wahren Kultveranstaltung hat sich die Wilhelmsbader Sommernacht entwickelt. Am Samstagabend waren die Stuhlreihen direkt vor der großen Bühne neben dem Karussellhügel bis auf den letzten Platz gefüllt.

Hanau - Zu einer temperamentvoll-italienischen machten die rund 70 Instrumentalisten der Neuen Philharmonie Frankfurt am Samstag die Wilhelmsbader Sommernacht.

Mehr als 10.000 Musikfans waren zum größten Klassik/Rock-Open-Air im Rhein-Main-Gebiet in den Staatspark gepilgert und dankten den Musikern am Ende eines Abends im Zeichen von Mafia und Belcanto mit einem Beifallsorkan. Ansonsten blieb die 17. Auflage der Konzertveranstaltung im Rahmen des Hanauer Kultoursommers, die inzwischen Kultstatus genießt, von Stürmen verschont. „Mindestens so voll wie sonst“, konstatierte ein Sicherheitsmann zur Pause, „und alle haben gute Laune“. Dafür sorgten die Stammgäste aus dem Offenbacher Capitol-Theater, unterstützt von vier Gesangssolisten und einer hörbar sorgsam aufs Orchester abgestimmten Band, mit einem Programm, das am Ende weit mehr hielt als zuvor versprochen.

Zwar blieb die an Dramen reiche Story von Sänger Belcanto, den Liebe und Verrat in der Familie vom Bühnen-Glamour in den USA zurück in die sizilianische Heimat ziehen, bis zum letzten Takt italienisch pikant. Weder musikalisch noch atmosphärisch blieb das mühelos abendfüllende Programm indessen - wie der Titel hatte befürchten lassen - in romantisierten Mafia-Klischees hängen. Erzähler Achim Dürr begleitete mit Wortwitz und gefühligem Timbre zweieinhalb Stunden emotionale Achterbahnfahrt.

Von der roten Sonne über dem Mittelmeer bis zur Qual der Wahl zwischen Spaghetti al Pomodoro und Pizza Diavolo - großzügig mit mediterranen Sprachbildern, blieben sich die seit der Premiere 1998 auf die Sommernacht im Staatspark abonnierten Musiker treu und überzeugten einmal mehr mit musikalischer Qualität und geschickter Programmkombination. Bei Puccini und Morricone hatten sich Dirigent Steven Lloyd Gonzales und seine Truppe gleichermaßen reichlich bedient und boten im ersten Teil Filetstückchen aus La Bohéme, Tosca, Turandot und den Soundtracks monumentaler Italo-Western in munterem Wechsel an. „O soave faniculla“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ - wahrlich ein würziger italienischer Salat.

Dass vor neuphilharmonischer Kreativität nicht einmal Vivaldi sicher ist, zeigte ein hausgemachtes Arrangement seines „Sommers“ aus den vier Jahreszeiten für Rockband und Sinfonieorchester, Solo-Parts für Violine und E-Gitarre inklusive. Behutsamer gingen die Interpreten mit dem Vermächtnis Frederico Fellinis und insbesondere seines Tonmeisters Nino Rota um. Bevor die „Rückkehr des Belcanto“ auf die Zielgerade ging, schoben die Akteure mit Hits von Gianna Nannini („Un Estate Italiana“), Al Bano und Romina Power („Felicita“, „Volare“), Toto Cotungno („L’Italiano“) und Paolo Conte („Azzurro“) noch eine Pop-Runde ein.

Bilder: Wilhelmsbader Sommernacht in Hanau

„Eine Frage der Ehre“ hieß nicht nur der Schlusstitel des Konzerts, zumindest einige Besucher nahmen auch ihre Anwesenheit im Staatspark so wahr. Diverse Aufrufe im Internet, sich von den Anschlägen der vorangegangenen Tage nicht abschrecken zu lassen und die traditionell launige Sommernacht mit Massenpicknick-Atmosphäre und Kultstatus trotzdem zu genießen, waren im Vorfeld unter anderem im Polizeipräsidium Südosthessen aufgefallen und wurden dort unterstützt. Mit öffentlichen Aufrufen habe sich die Polizei bewusst zurückgehalten, erklärte Pressesprecher Henry Valtin im Gespräch mit unserer Zeitung: „Niemand sollte vor etwas zurückschrecken, was er ein paar Tage vorher noch genossen hätte“.

Intern allerdings hätten die Bluttaten in Würzburg, München und Ansbach zu einer „Neubewertung der Sicherheitslage“ geführt, so Faltin. Anfang vergangener Woche habe die Polizei in Abstimmung mit der Stadt Hanau als Veranstalter „nachjustiert“, die Zahl der Beamten in Uniform und Zivil wie auch privater Security-Kräfte für das Wilhelmsbader Wochenende aufgestockt und „punktuelle Einlasskontrollen“ angesetzt. Das Ziel „Sicherheit für alle, die friedlich feiern wollen“ wurde offenbar erreicht: „Keinerlei Zwischenfälle“, bilanzierte der Führungs- und Lagedienst im Polizeipräsidium gestern auf Anfrage. (rdk)

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